Ein Plädoyer. Vorgetragen mit der gebotenen Unsachlichkeit.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser, wir müssen über Flyer reden. Genauer: über jene Flyer, die neuerdings nicht mehr vom Neffen des Vereinsvorsitzenden in Word zusammengeschoben werden, sondern von einer Maschine, der man vorher gesagt hat, was man möchte. Das, so höre ich, sei das Ende der Gestaltung, der Kultur und vermutlich auch des Abendlandes, soweit es noch vorrätig ist.
Die Anklage lautet auf „AI Slop“. Das Wort hat es weit gebracht: Merriam-Webster hat „slop“ zum Wort des Jahres 2025 gekürt. Man spricht es mit jenem leicht angeekelten Zug um den Mund aus, den man sonst für Fertigpizza und Pauschalreisen reserviert. Es ist ein Urteil, das praktischerweise ohne Beweisaufnahme auskommt. Man sieht einen Flyer, vermutet eine Maschine dahinter, und der Fall ist erledigt.
Ich beantrage Freispruch. Und zwar nicht aus Mangel an Beweisen, sondern wegen erwiesener Unschuld. Mehr noch: Ich behaupte, der gut gemachte KI-Flyer ist Handwerk. Und er ist Kunst. Beides. Gleichzeitig. Wer jetzt schon nach Luft schnappt, möge bitte sitzen bleiben. Es wird nicht besser.

Erstens: Handwerk
Beginnen wir mit dem Einfachen. Handwerk, so die landläufige Vorstellung, erkennt man an Schwielen, Spänen und einem Zertifikat der University of Irgendwo an der Wand. Wer am Bildschirm sitzt und einer Software Sätze diktiert, hat demnach keines. Das ist eine hübsche Theorie. Sie hat nur den Nachteil, dass sie von Leuten stammt, die noch nie versucht haben, einer Bild-KI einen Flyer für das Sommerfest der Freiwilligen Feuerwehr abzuringen, auf dem das Datum stimmt, die Bratwurst nach Bratwurst aussieht und der Feuerwehrmann zehn Finger hat. Insgesamt, nicht pro Hand.
Wer das einmal getan hat, weiß: Es ist Arbeit. Man muss wissen, was man will, was bekanntlich die schwierigste aller Übungen ist. Man muss es so sagen können, dass eine Maschine es versteht, die alles kennt und nichts begreift. Man muss Format, Hierarchie, Lesbarkeit und Wirkung im Kopf haben, bevor das erste Bild entsteht. Und dann muss man zwanzig, dreißig, fünfzig Ergebnisse ansehen, verwerfen, nachschärfen, wieder verwerfen. Das ist Material kennen, Werkzeug beherrschen, Ergebnis prüfen. Wenn das kein Handwerk ist, dann weiß ich nicht, was die Innung den ganzen Tag macht.
Der naheliegende Einwand lautet: Ein:e Akkuschrauber:in macht noch keine:n Tischler:in. Stimmt. Er ist übrigens ein sehr guter Einwand, weshalb er hier ausdrücklich gewürdigt wird. Nur beweist er das Gegenteil dessen, was er soll. Denn kein Mensch käme auf die Idee, einer Handwerkerin ihr Handwerk abzusprechen, weil sie ein elektrisches Gerät benutzt. Das Werkzeug ersetzt das Können nicht. Es disqualifiziert es aber auch nicht. Wer mit KI einen miserablen Flyer baut, hat einen miserablen Flyer gebaut. Wer mit KI einen guten baut, hat etwas gekonnt.
Zweitens: Kunst
Jetzt wird es ernst, denn jetzt kommt das Feuilleton. Kunst! Bei einem Flyer! Vom Computer! Man hört förmlich, wie in den Altbauwohnungen und Jazzclubs dieser schönen Republik die Rotweingläser abgestellt werden.
Schauen wir also nach, was Kunst ist. Das Bundesverfassungsgericht hat das 1971 im Mephisto-Beschluss freundlicherweise aufgeschrieben: Wesentlich sei die „freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden“. Lesen Sie das ruhig zweimal. Von Ölfarbe steht da nichts. Von Pinseln auch nicht. Von einem abgeschlossenen Designstudium schon gar nicht. Da steht: Jemand hat etwas erlebt, will es zeigen und wählt dafür eine Form.
Die Vorsitzende des Kleingartenvereins, die drei Abende lang an ihrem Einladungsflyer feilt, bis die Dahlien endlich so leuchten wie in ihrer Erinnerung an das letzte Sommerfest, tut genau das. Dass ihr Medium ein Prompt ist und kein Aquarellkasten, ist dem Kunstbegriff herzlich egal. Joseph Beuys hat bekanntlich verkündet, jeder Mensch sei ein Künstler. Man hat ihn dafür ins Museum gestellt. Nun nehmen ihn die Leute zum ersten Mal beim Wort, und plötzlich soll es nicht so gemeint gewesen sein.
Der Ehrlichkeit halber, denn wir sind hier nicht bei LinkedIn: Das Urheberrecht sieht die Sache enger. Es schützt nach § 2 Abs. 2 UrhG nur „persönliche geistige Schöpfungen“, und was eine Maschine allein ausspuckt, ist das nach ganz überwiegender Ansicht nicht. Aber ob etwas geschützt ist und ob es etwas taugt, sind zwei verschiedene Fragen. Die Höhlenmalerei von Lascaux hat auch keinen Rechteinhaber. Dies ist im Übrigen eine Polemik und kein Rechtsgutachten. Wer eines braucht, möge eines bezahlen.

Drittens: Wer hier eigentlich wen verachtet
Nun zum unangenehmen Teil. Ich habe an anderer Stelle ausführlich dargelegt, was von der Slop-Empörung zu halten ist: AI Slop? Als hätten Menschen vorher nur Meisterwerke produziert. Die Kurzfassung für Eilige: Schlechtes Design ist keine Erfindung der KI. Wer das bezweifelt, hat die letzten dreißig Jahre keinen Blick auf ein Schwarzes Brett im Supermarkt geworfen. ClipArt, WordArt, Comic Sans in Regenbogenfarben, sieben Schriftarten auf einem DIN-A5-Blatt: Das alles haben Menschen geschaffen, von Hand, aus freiem Willen und ohne jede künstliche Intelligenz. Mit natürlicher allerdings auch nicht immer. Die KI hat schlechtes Design nicht erfunden, sie hat ihm nur einen Skalierungshebel gegeben.
Interessanter ist die Frage, wer da eigentlich schimpft. In dem genannten Beitrag steht dafür eine Pyramide: oben Plattformen und Gatekeeper, in der Mitte Unternehmen mit Budget, unten kleine Betriebe, Vereine und Solo-Selbstständige. Wer oben steht, nennt es „AI Slop“. Wer unten steht, hatte nie ein Designbudget. Der Friseursalon an der Ecke hat nicht zwischen einer Agentur und der KI gewählt. Er hat zwischen der KI und gar nichts gewählt. Wer sich über dessen Flyer erhebt, kritisiert keine Gestaltung. Er rümpft die Nase über Leute, die sich seine Rechnung nicht leisten können. Man nennt das Klassismus. Man kann es auch einfach schlechte Manieren nennen.
Damit kein Missverständnis entsteht: Es gibt grauenhafte KI-Flyer. Massenhaft. Über KI-Merch, dem außer einem Gehirn auf einer Platine nichts eingefallen ist, habe ich mich selbst schon beschwert. Schlechten Content darf man schlecht nennen, und wer Gestalter ist und um seine Aufträge fürchtet, hat dafür Gründe, die man nicht weglächeln sollte. Auch die Rede von der „Demokratisierung“ ist schief, solange eine Handvoll Anbieter bestimmt, wie die Bilder der Welt aussehen. Das alles steht dort und bleibt richtig.
Nur folgt daraus eben nicht, dass der KI-Flyer als solcher Müll wäre. Es folgt daraus, dass die Grenze nicht zwischen Mensch und Maschine verläuft, sondern zwischen beliebig und eigenständig, zwischen gedankenlos und durchdacht. Deshalb halte ich auch wenig von Detektoren, die die Herkunft eines Textes prüfen statt seiner Qualität: Fear of Writing. Hundert Varianten generieren kann bald jeder. Zu erkennen, welche neunundneunzig davon weg können, nicht. Dieses Erkennen heißt Geschmack. Geschmack ist eine Kompetenz, und zwar genau die, die man früher beim Handwerker „Augenmaß“ und beim Künstler „Handschrift“ genannt hat. Womit wir, Sie ahnen es, wieder bei der Überschrift wären.

Schlussantrag
Ich fasse zusammen. Der gute KI-Flyer verlangt Kenntnis des Werkzeugs, Sorgfalt in der Ausführung und Prüfung des Ergebnisses: Handwerk. Er bringt zur Anschauung, was jemand zeigen will, in einer Form, die dieser Jemand gewählt und verantwortet hat: Kunst. Dass er außerdem in zwanzig Minuten fertig ist und nichts kostet, mag für manche das eigentliche Ärgernis sein. Ein Argument ist es nicht.
Der schlechte KI-Flyer bleibt selbstverständlich schlecht. Er war es aber schon, als er noch aus Word kam, und damals hat niemand ein Wort des Jahres dafür ausgerufen.
Wer also das nächste Mal vor einem Laternenpfahl steht und „Slop“ murmelt, möge sich bitte drei Fragen stellen. Ist der Flyer schlecht, oder ist er nur nicht von mir? Hätte der Absender eine Alternative gehabt? Und wann habe ich selbst zuletzt etwas gestaltet, das einen Kleingartenverein glücklich gemacht hat?
Ich liebe KI-Flyer. Sehr. Das Gericht möge entsprechend entscheiden.
Nachbemerkung in eigener Sache: Die geneigten Leserinnen und Leser könnten annehmen, dieser Artikel sei als Glosse gemeint. Dem ist nicht so. Ich schätze KI-generierten Content tatsächlich, er muss für mich nur einen Wert stiften. Vermitteln möchte ich hier lediglich etwas Demut gegenüber der eigenen Konsensüberschätzung: Dass im eigenen Umfeld alle „Slop“ rufen, heißt noch lange nicht, dass alle es so sehen.