Eine Illustratorin wählt an einem leuchtenden Tablet eine von vier KI-Bildvarianten aus, links fliegen gezeichnete Skizzen davon. Schriftzug: Kreative unter Druck. Weiterbildung statt Verbote.
Auswählen, prüfen, verantworten: Diese Arbeit bleibt bei den Kreativen. (Bild KI-generiert)

Wenn ein politisches Dokument „Fortschrittsagenda“ heißt, lohnt die Frage, bei wem der Fortschritt ankommt. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, hat sie im SPIEGEL beantwortet: bei den Kulturschaffenden jedenfalls nicht. Ihnen brechen die Aufträge weg, während das Eckpunktepapier der Bundesregierung so tut, als wäre die Kulturbranche Nutznießerin und Gestalterin der KI. Ich stimme ihm in fast allem zu. In einem Punkt gehe ich weiter: Kein Verbot und keine Einschränkung wird diese Jobs zurückholen. Helfen wird nur konsequente Weiterbildung, und eine KI-Steuer könnte sie bezahlen.

Wer ist Olaf Zimmermann?

Seit 1997 Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, des Spitzenverbands der Bundeskulturverbände. Vorher führte er eine Galerie in Köln und Mönchengladbach.

Worum es im Interview geht

Anlass ist das Eckpunktepapier „Fortschrittsagenda Kultur und KI“, entstanden auf Einladung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Zimmermann hat es nach eigener Aussage mehrmals gelesen und keine Maßnahme gefunden: keine Förderung, keinen Vorschlag zum Urheberrecht, kein Wort dazu, dass viele Menschen ihre Jobs verlieren werden. Dafür steht darin, Kreative sollten ihre Werke und Daten souverän kontrollieren können. Ein schöner Satz. Er verrät nur nicht, wie eine freie Illustratorin die Trainingsdaten eines US-Konzerns kontrollieren soll, auf den laut Zimmermann weder der Kulturbetrieb noch die Bundesregierung irgendeinen Einfluss hat. Ein Papier, das Kontrolle verspricht, wo es keine gibt, ist ein Wunschzettel mit Briefkopf.

Sein Beispiel bleibt hängen: Ein Illustrator, der für den Kulturrat rund 40 Bilder gezeichnet hat, bedankte sich danach. Der Kulturrat sei in diesem Jahr der erste Auftraggeber gewesen, der ihn für alle Illustrationen bezahlt habe. Sonst bekommt er inzwischen meist den Auftrag für ein einziges Bild, tritt die Nutzungsrechte ab, und die Kundschaft lässt eine KI daraus den Rest des Buchs bebildern.

Wo Zimmermann den Kern trifft

Sein wichtigster Gedanke betrifft gar nicht die Kunst: Entscheidend ist, ob die Kundschaft mit dem billigeren KI-Ergebnis zufrieden ist. Und das ist sie offenbar. Das deckt sich mit dem, was ich aus 24 Jahren E-Commerce und aus meinen Kursen kenne. Im Marketing hat niemand je gefragt, ob ein Produktbild Kunst ist. Gefragt wurde, ob es reicht und was es kostet. Wer heute für ein paar Cent ein Bild erzeugt, das „gut genug“ ist, bezahlt dafür keinen Tagessatz mehr. Kreative haben lange geglaubt, ihre Qualität schütze sie. Sie schützt nur dort, wo die Qualität tatsächlich bezahlt wird, und dieser Bereich wird kleiner.

Ebenso richtig ist sein zweiter Punkt: Die Jobs sterben leise. Viele Kulturschaffende sind soloselbstständig. Wenn ihnen Aufträge wegbrechen, gibt es keine Insolvenz in der Zeitung, keinen Sozialplan und keinen öffentlichen Aufschrei. Es gibt nur weniger Rechnungen.

Warum Verbote das Problem nicht lösen

Zimmermann ruft nicht nach Verboten. Er setzt auf Urheberrecht und Musterklagen, und wo er Einfluss auf die großen KI-Anbieter sieht, dann nur bei der EU. Naheliegend ist der Gedanke trotzdem:

  • Ein Verbot hält die Kundschaft nicht auf. Agenturen und Verlage haben die Werkzeuge einen Klick entfernt; ein deutsches Verbot verschiebt die Nutzung nur in die Grauzone.
  • Der verlorene Auftrag kommt nicht zurück. Selbst wenn ein Verlag morgen keine KI mehr nutzen dürfte: Er würde nicht wieder 40 Illustrationen bestellen. Er würde zu Stockfotos greifen oder das Budget streichen.

Dass Kreative für das Training von KI-Modellen bezahlt werden, ist kein Verbot, sondern eine Frage der Fairness. Die Musterklagen, die Zimmermann unterstützt, halte ich für richtig. Nur sollte niemand glauben, dass ein gewonnener Prozess in ein paar Jahren den Illustrator von heute über den Winter bringt.

Was hilft: Weiterbildung, und zwar ernst gemeint

Meine eigene Zerreißprobe

Bevor ich Weiterbildung lobe: Ich bin befangen. Ich unterrichte KI im Marketing in der geförderten Weiterbildung (mehr über mich). Meine Teilnehmenden lernen bei mir, Bilder, Texte und Kampagnen mit KI zu erstellen. Genau das kostet anderswo Illustrierende oder Textende den Auftrag.

Bezahlt wird das oft mit Geld der Allgemeinheit: Der Bildungsgutschein kommt aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. Ich helfe also mit Beitragsgeld Menschen zurück in Arbeit und trage womöglich dazu bei, dass andere ihre verlieren.

Diesen Widerspruch kann ich nicht auflösen. Ich kann nur sagen, warum ich trotzdem weitermache: Die Aufträge verschwinden auch ohne meine Kurse, denn die Werkzeuge stehen allen offen. Die Frage ist nur, wer sie beherrscht. Und in meinen Kursen sitzen nicht selten selbst Kreative, die gerade Aufträge verloren haben.

Der Deutsche Kulturrat war hier schon im Oktober 2024 weiter als die Bundesregierung heute. In seinem Positionspapier räumt er offen ein, dass durch KI Arbeitsplätze wegfallen werden, fordert umfassende KI-Kompetenz und legt großen Wert auf Fort- und Weiterbildung.

Weiterbildung heißt dabei nicht, die Illustratorin zur Pflegekraft umzuschulen, sondern die Arbeit zu lernen, die KI nicht leisten kann:

  • Auswählen und verantworten: Aus 50 KI-Varianten die eine erkennen, die zur Marke passt, und dafür geradestehen.
  • Prüfen: Rechte, Kennzeichnung, Fehler. KI liefert schnell, aber sie liefert auch schnell Unsinn.
  • Beraten: der Kundschaft erklären, wann „gut genug“ wirklich reicht und wann nicht.

Wie sich dieser Schritt anfühlt, erzählen Absolventinnen und Absolventen in meiner Interviewreihe. Was eine gute Schulung abdecken muss, steht unter Kursinhalte prüfen.

Das eigentliche Problem liegt woanders: Soloselbstständige fallen durch die Förderung. Der Bildungsgutschein richtet sich an Arbeitsuchende und von Arbeitslosigkeit Bedrohte, die QCG-Förderung an Beschäftigte, deren Arbeitgeber sie beantragt. Über die Künstlersozialkasse sind Kulturschaffende renten-, kranken- und pflegeversichert, aber nicht gegen Arbeitslosigkeit. Wer freiberuflich Aufträge verliert, aber noch nicht aufgegeben hat, bezahlt die Weiterbildung meist selbst, genau dann, wenn das Geld knapp wird. Hier könnte Kulturpolitik konkret werden, statt Wünsche aufzuschreiben.

KI-Steuer: löst nichts, verteilt aber besser

Bleibt die Frage, wer das bezahlt. Digitalminister Karsten Wildberger hat am 13.10.2026 im Tagesspiegel vorgeschlagen, KI-Umsätze zu besteuern und damit Umschulungen zu finanzieren. Noch am selben Tag relativierte er bei RTL und ntv: Er wolle Wachstum durch KI und rede nicht über neue Steuern.

Im Doppelgänger-Podcast haben Philipp Klöckner und Philipp Glöckler den Vorschlag wenige Tage später besprochen (Folge #605, ab 1:09:13). Klöckner fordert schon länger eine Steuer auf KI und Robotik, weil Deutschland Staat und Sozialversicherungen vor allem über Arbeit finanziert. Ersetzt KI Beschäftigte, sinken Lohnsteuer und Sozialabgaben, während die Wertschöpfung zu Kapital, Rechenleistung und oft zu US-Konzernen wandert. Die Kosten für Arbeitslosigkeit und Weiterbildung bleiben hier. Vor einer eigenen KI-Steuer sollten aus seiner Sicht aber erst die Steuerschlupflöcher von Big Tech geschlossen werden.

Wer ist Philipp Klöckner?

Tech-Analyst und Investor, bekannt als „Pip“. Er berät Investmentfonds, ist Business Angel und spricht zweimal pro Woche mit Philipp Glöckler im Podcast „Doppelgänger“ über Tech-Konzerne und KI. Wer sich für KI, Unternehmensbewertungen, Investments und Tracking interessiert, dem kann ich den Podcast sehr empfehlen.

Meine Einschätzung: Eine KI-Steuer löst das Problem nicht. Sie bringt keinen Illustrationsauftrag zurück und ist schwer abzugrenzen (was ist ein KI-Umsatz, wenn KI in jeder Software steckt?). Aber sie verteilt besser: Fließt ein Teil zweckgebunden in Weiterbildung, auch für Soloselbstständige, ergänzen sich beide Ideen. Die Steuer bezahlt, die Qualifizierung wirkt.

Fazit

Zimmermanns Interview ist das ehrlichste, was ich seit Langem aus der Kulturpolitik zum Thema KI gelesen habe. Seine Diagnose teile ich. Die Therapie sehe ich im Befähigen, nicht im Verbieten, auch wenn ich als Dozent damit Teil des Wandels bin, den er beklagt. Gerade deshalb sollte die Förderung die erreichen, die er am härtesten trifft.


Nachklapper: Auf diesem Blog erscheinen Comic-Cover, auf denen ich mal gegen einen Bot antrete und mal KI-Modelle sortiere. Gezeichnet hat sie eine KI. Hätte ich sonst eine Illustratorin beauftragt? Nein, ich hätte gar kein Cover gemacht. Das ist die bequemste Ausrede, die es gibt, und zugleich Zimmermanns Befund im Kleinen: Ein Auftrag, der nie vergeben wird, taucht in keiner Statistik auf.