Gastbeitrag im Interview: Katja Heusel

In meiner Reihe „Kurs. Praxis. Profil.“ frage ich Menschen, die eine KI-Weiterbildung gemacht haben, wie es bei ihnen weitergegangen ist: was geholfen hat, was nicht und was sie anderen raten würden. Alle bekommen vier Fragen. Alle bisherigen Gespräche findest du in der Übersicht der Reihe.
In Folge 8 ist Katja Heusel zu Gast. Sie hat über 15 Jahre Marketing hinter sich, zuletzt als Group Account Director bei der Agentur We Are Social in Berlin. Von April bis Mai 2026 war sie in meinem KI-Kurs bei MOD education. Ihre Antworten gehen über KI hinaus: Es geht auch darum, wie der Wiedereinstieg nach einer Elternzeit gerade aussieht und warum KI Erfahrung nicht ersetzt.
Warum eine KI-Weiterbildung mitten in der Elternzeit?
Als ich Anfang 2024 in Elternzeit gegangen bin, war KI im Marketing gerade dabei, richtig Fahrt aufzunehmen. Die Entwicklung seitdem war enorm. Privat habe ich KI schon früh genutzt. Im beruflichen Kontext hatte ich mich damit allerdings noch nicht intensiv beschäftigt, und auch mein früherer Arbeitgeber nicht.
Für mich war deshalb klar: Ich möchte die Elternzeit nicht nur für meine Familie nutzen, sondern auch, um mich fachlich weiterzuentwickeln. Ich wollte nicht einfach dort weitermachen, wo ich aufgehört hatte, sondern mit neuen Kompetenzen und einem echten Wettbewerbsvorteil zurückkehren.
Nach über 15 Jahren im Marketing, unter anderem in Führungspositionen, bringe ich viel Erfahrung in Strategie, Kreation, Kampagnensteuerung und Teamführung mit. Durch die Weiterbildung kann ich dieses Wissen jetzt mit den Möglichkeiten von KI verbinden, gerade beim Aufsetzen von Strukturen und Prozessen und vor allem bei der Erfolgsmessung.
Besonders interessant finde ich: Im Austausch mit Agenturen und Unternehmen habe ich festgestellt, dass KI in der Praxis häufig noch längst nicht so umfassend eingesetzt wird, wie man angesichts des ganzen Hypes vermuten würde. In manchen Bereichen bin ich durch meine Weiterbildung heute tatsächlich weiter als Menschen, die durchgehend im Marketing gearbeitet haben. Das zeigt mir: Eine berufliche Pause muss nicht zwangsläufig einen fachlichen Rückstand bedeuten. Sie kann eine Chance sein, sich gezielt mit Entwicklungen auseinanderzusetzen, für die im hektischen Berufsalltag oft die Zeit fehlt.
Was hat dich beim Wiedereinstieg am meisten überrascht?
Überrascht hat mich weniger die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung als die Realität des beruflichen Wiedereinstiegs als Mutter. Ich habe über 15 Jahre Berufserfahrung, habe Führungsteams geleitet, internationale Kundschaft betreut und Millionenbudgets verantwortet. Trotzdem habe ich in Bewerbungsgesprächen teilweise das Gefühl, dass all diese Erfahrung plötzlich in den Hintergrund rückt, sobald das Thema Mutterschaft aufkommt.
In einem Gespräch mit einer großen Agentur wurde ich zum Beispiel ziemlich direkt gefragt: „Schaffst du das überhaupt?“ Gemeint war, ob ich eine anspruchsvolle Vollzeitposition mit einem kleinen Kind vereinbaren könne. Ich finde diese Frage bemerkenswert. Bei einem Vater mit vergleichbarer Berufserfahrung würde man vermutlich nicht als Erstes seine Belastbarkeit infrage stellen.
Gerade für Frauen, die vor der Elternzeit bereits Führungsverantwortung getragen haben, scheint der Wiedereinstieg besonders herausfordernd zu sein. Man bringt viel Erfahrung mit, hat entsprechende Gehaltsvorstellungen und möchte beruflich wieder voll einsteigen. Gleichzeitig muss man erst einmal beweisen, dass man das als Mutter überhaupt leisten kann.
Hinzu kommen die angespannte wirtschaftliche Lage und der Umbruch durch KI. Ich habe den Eindruck, dass langjährige Erfahrung teilweise weniger wertgeschätzt wird, weil Unternehmen hoffen, bestimmte Aufgaben künftig mit KI effizienter oder günstiger erledigen zu können.
Dabei hat mir meine Weiterbildung vor allem eines bestätigt: KI ersetzt keine Erfahrung. Sie macht Erfahrung im besten Fall noch wertvoller. Die entscheidende Frage ist nicht, ob jemand einen guten Prompt schreiben kann, sondern ob jemand die richtigen Fragen stellt, Zusammenhänge versteht, Ergebnisse kritisch bewertet und daraus sinnvolle Entscheidungen ableitet. Genau dafür braucht es Fachwissen, strategisches Denken und Erfahrung.
Ich finde das paradox: Einerseits suchen Unternehmen Menschen, die den digitalen Wandel verstehen und gestalten können. Andererseits werden erfahrene Fach- und Führungskräfte nach einer Elternzeit teilweise noch immer mit Vorurteilen konfrontiert. Wir sollten deshalb nicht nur über die Zukunft der Arbeit durch KI sprechen, sondern auch darüber, wie zeitgemäß unsere Vorstellungen von Karriere, Führung und Vereinbarkeit eigentlich sind.
Wo setzt du KI schon praktisch ein, und wo fehlt dir noch etwas?
Einen Großteil dessen, was ich in der Weiterbildung gelernt habe, kann ich in der Social-Media-Arbeit für ein kleines Unternehmen direkt anwenden. Das beginnt bei der Content- und Redaktionsplanung und geht über Copywriting und Content-Erstellung bis zu Bildbearbeitung, Reporting und der laufenden Optimierung von Inhalten.
Gerade für kleinere Unternehmen, die weder große Marketingteams noch entsprechende Budgets haben, bietet KI enorme Möglichkeiten. Viele Aufgaben lassen sich heute deutlich schneller umsetzen, ohne zwangsläufig Abstriche bei der Qualität zu machen. Dabei kommt mir meine langjährige Erfahrung zugute. Ich kann beurteilen, ob ein Ergebnis zur Marke, zur Zielgruppe und zur Kommunikationsstrategie passt. KI unterstützt mich bei Ideenfindung, Umsetzung und Analyse, aber die strategischen und kreativen Entscheidungen treffe weiterhin ich.
Stärker vertieft hätte ich gern das datengetriebene Marketing: Reporting, Performance-Analyse und das Ableiten konkreter Optimierungsmaßnahmen. Da hätte ich mir in der Weiterbildung mehr praktische Anwendungen und tiefere Einblicke gewünscht. Gerade hier sehe ich enormes Potenzial. KI sollte nicht nur helfen, Content schneller zu produzieren, sondern vor allem, Marketing besser zu machen: Daten intelligenter auswerten, Zusammenhänge schneller erkennen und daraus fundierte Entscheidungen ableiten. Allein damit könnte man ein ganzes Seminar füllen. Vielleicht mache ich das noch.
Was rätst du anderen, die nach einer Pause wieder einsteigen wollen?
Mein wichtigster Rat: neugierig bleiben und keine Berührungsängste mit KI haben. Man muss nicht jedes Tool kennen oder jede technologische Entwicklung im Detail verstehen. Viel wichtiger ist es, die Möglichkeiten auszuprobieren und herauszufinden, wie sie die eigene Arbeit sinnvoll ergänzen.
Eine praxisnahe Weiterbildung ist dafür eine hervorragende Grundlage. Gerade mit Berufserfahrung kann man das Gelernte oft sehr schnell einordnen und anwenden. Es lohnt sich auch, nachzufragen, wer solche Weiterbildungen fördert, zum Beispiel die Agentur für Arbeit.
Und ich würde allen empfehlen, die eigenen Kompetenzen nicht kleinzureden, nur weil man eine Zeit lang nicht im Berufsleben stand. Erfahrung verschwindet nicht durch eine Elternzeit. Im Gegenteil: Wer sich in dieser Zeit zusätzlich weiterbildet, bringt unter Umständen sogar neue Perspektiven und Fähigkeiten mit.
Frauen mit Kinderwunsch würde ich außerdem einen sehr pragmatischen Rat geben: Überlegt euch gut, ob ihr euer bestehendes Arbeitsverhältnis aufgebt. Ich habe selbst erlebt, wie schwierig der Wiedereinstieg ohne diese Absicherung sein kann. Mindestens genauso wichtig ist es, das berufliche Netzwerk aktiv zu pflegen. Kontakte zu ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, zur Kundschaft und zu Partnerinnen und Partnern aus der Branche können nach einer längeren Pause entscheidend sein.
Und schließlich: Organisiert rechtzeitig eine verlässliche Kinderbetreuung und habt kein schlechtes Gewissen dabei. Gute Betreuung kann für Kinder eine echte Bereicherung sein und ermöglicht es Eltern, ihre beruflichen Ziele weiterzuverfolgen. Wir sprechen viel darüber, wie KI unsere Arbeitswelt verändert. Vielleicht sollten wir gleichzeitig stärker hinterfragen, warum wir bei der Vereinbarkeit von Familie und Karriere in manchen Bereichen noch immer so wenig Fortschritt gemacht haben.
Katjas Tipp: Die Pause als Vorsprung nutzen
Was Katja allen rät, die nach einer Elternzeit oder einer anderen Pause zurück in den Beruf wollen:
- Neugierig bleiben und KI ausprobieren. Nicht jedes Tool kennen, sondern herausfinden, was die eigene Arbeit sinnvoll ergänzt.
- Förderung prüfen, bevor du eine Weiterbildung bezahlst: So verbesserst du deine Chancen auf einen Bildungsgutschein.
- Die eigene Erfahrung nicht kleinreden. Sie verschwindet nicht durch eine Pause.
- Netzwerk pflegen und die Kinderbetreuung rechtzeitig und ohne schlechtes Gewissen organisieren.
Überblick zu KI-Kompetenz und Weiterbildung: KI-Schulung: Was du heute wirklich lernen solltest.
Was ich aus dem Gespräch mitnehme
Katjas Satz „KI ersetzt keine Erfahrung, sie macht Erfahrung im besten Fall noch wertvoller“ unterschreibe ich sofort. Ob ein Text zur Marke passt oder eine Kampagne aufgeht, kann ein Modell vorschlagen. Beurteilen kann es nur, wer so etwas schon oft gemacht hat.
Dass sie in manchen Bereichen heute weiter ist als Leute, die durchgearbeitet haben, deckt sich mit dem, was ich in Kursen sehe. Wer sich bewusst Zeit nimmt, holt den Rückstand nicht nur auf, sondern überholt. Umso bitterer ist die Frage „Schaffst du das überhaupt?“ im Bewerbungsgespräch.
Ihren Wunsch nach mehr datengetriebenem Marketing nehme ich mit: Reporting und Performance-Analyse mit KI bekommen in meinen Kursen mehr Raum. Danke, Katja, für deine offenen Antworten.
Das Wichtigste in Kürze
- Katja hat die Elternzeit genutzt, um sich in KI und Online-Marketing weiterzubilden, und ist in manchen Bereichen heute weiter als Kolleginnen und Kollegen, die durchgearbeitet haben.
- Beim Wiedereinstieg als Mutter rückt Erfahrung in Bewerbungsgesprächen oft in den Hintergrund.
- KI ersetzt keine Erfahrung: Entscheidend ist, die richtigen Fragen zu stellen und Ergebnisse kritisch zu bewerten.
- Für kleine Unternehmen hilft KI von der Redaktionsplanung bis zum Reporting. Datengetriebenes Marketing ist das nächste Lernfeld.
- Ihr Rat: neugierig bleiben, Förderung prüfen, Netzwerk pflegen und die eigene Erfahrung nicht kleinreden.
Kurs. Praxis. Profil.
Menschen, die eine KI-Weiterbildung gemacht haben, erzählen, was daraus geworden ist, ob in einem meiner Kurse oder bei einem anderen Anbieter. Alle Gespräche der Reihe im Überblick
Nächste Folge: Yana Molina über eigene Agenten, Gegenprüfung und klare Regeln
Du hast selbst eine KI-Weiterbildung gemacht, bei mir oder bei einem anderen Anbieter, und willst erzählen, wie es danach weitergegangen ist? Schreib mir, ich schicke dir die vier Fragen. Wer meine eigenen Kurse kennenlernen möchte, findet sie unter Meine Kurse.
