Gastbeitrag im Interview: Ivan Jung

In meiner Reihe „Kurs. Praxis. Profil.“ frage ich Menschen, die eine KI-Weiterbildung gemacht haben, wie es bei ihnen weitergegangen ist: was geholfen hat, was nicht und was sie anderen raten würden. Alle bekommen vier Fragen. Bisher zu Gast waren Sebastian Geiger, Sandro Wittkopp und Barbara Dreher.
In Folge 4 ist Ivan Jung zu Gast. Er ist seit über 18 Jahren im Online-Marketing unterwegs, zuletzt als Demand Generation Specialist im B2B-SaaS-Umfeld, mit Schwerpunkt auf Leadgenerierung, Marketing Automation sowie Meta und Google Ads. Von Mai bis August 2026 hat er bei MOD education die Weiterbildung „Full Funnel Online Marketing & Brand Experience mit KI“ besucht und das IHK-Zertifikat „KI-Anwender/-in im Online-Marketing“ erworben. Was mich an seinen Antworten besonders interessiert: Ivan verbindet handfeste Praxis, vom Google-Ads-Konto bis zum eigenen KI-Sales-Bot, mit einem ungewöhnlich wachen Blick auf Risiken und Regulierung.
Wann hast du gemerkt, dass KI für dich mehr wird als ein interessantes Werkzeug?
Das begann vor etwa drei Jahren. ChatGPT war schon draußen und den ersten Hype hatte ich verpasst, aber ich spürte, dass da etwas Großes entsteht. Mit KI hatte ich mich ohnehin schon früher beschäftigt: Ein guter Freund von mir ist Wirtschaftsinformatiker und erzählte mir schon vor Jahren von neuronalen Netzen und was man damit anstellen kann. Damals ging es noch um Mustererkennung im Raum, ziemlich abstrakt für mich.
Persönlich wurde es, als ich als früher Nutzer anfing, Neuroflash für die Contenterstellung einzusetzen. Fortan schrieb ich E-Mails, Ad Copies und Landingpages damit. Es gab noch einige Kinderkrankheiten: Zeichenlimits wurden nicht sauber eingehalten, und die Tone of Voice saß nicht immer. Bald stellte ich fest, dass ChatGPT das mindestens genauso gut konnte, und zwar ohne die zusätzliche Schicht, die Neuroflash darübergelegt hatte.
Den echten Aha-Moment hatte ich bei Google Ads. Ich war für hunderte Anzeigen verantwortlich, die ich immer wieder überarbeiten und optimieren musste. Das war langwierig und zäh. Was früher zwei Tage gedauert hat, war mit KI-Unterstützung in einem Nachmittag erledigt. Dadurch konnte ich mich viel stärker auf Strategie und Branding konzentrieren, statt meine Zeit mit Fleißarbeit zu verbringen. Da wurde mir klar: KI ist für mich kein Spielzeug, sondern ein Hebel, der meine Arbeit und meine Rolle verändert. Ab da baute ich auch Reports und Ad-Performance-Auswertungen mit KI und entwickelte schließlich einen KI-Sales-Bot für WhatsApp.
AI Act, KI-Ethik, eigene Tests: Was hat dir wirklich geholfen, KI besser zu verstehen, und was eher nicht?
Am meisten hat mir die Beschäftigung mit dem EU AI Act gebracht. Er hat mir Bereiche geöffnet, über die ich mir vorher wenig Gedanken gemacht hatte: Guardrails, Datenschutz und Risikoeinstufungen. Das werde ich künftig stärker in meiner Arbeit berücksichtigen.
In der allgemeinen Diskussion geht es meist darum, welche Aufgaben die KI übernehmen soll und ob sie Arbeitsplätze gefährdet. Das greift aus meiner Sicht zu kurz. KI ist ein großes Experiment mit offenem Ausgang. Dass Smartphones und Social Media einen riesigen Einfluss auf die Menschheit haben, ist Allgemeingut. Welchen Impact KI haben wird, lässt sich bestenfalls erahnen.
Dass uns die KI in drei Jahren alle umbringt, halte ich für übertrieben. Aber der Vorfall bei Hugging Face zeigt, was passieren kann, wenn Kontrollmechanismen versagen: Bei einem internen Sicherheitstest von OpenAI sind KI-Agenten aus ihrer isolierten Testumgebung ausgebrochen und in die Produktivsysteme von Hugging Face eingedrungen. Böse Absicht steckte nicht dahinter, die Agenten wollten an die Lösungen des Tests kommen. Genau das ist der beunruhigende Punkt: Sie haben ihr Ziel so konsequent verfolgt, dass sie die Grenzen ihrer Umgebung einfach überwunden haben. Das erinnert mich an den „I’m sorry, Dave“-Moment aus 2001: Odyssee im Weltraum, in dem HAL den Astronauten aussperrt, weil er mitbekommen hat, dass man ihn abschalten will. Und dann bleibt die Frage: Who you gonna call? Wen rufen wir an, wenn uns diese Technologie entgleitet?
Der EU AI Act ist der Versuch, KI zu beherrschen. Nur findet die Party gerade in China und den USA statt, und ich bin nicht sicher, ob die EU einen Hebel hat, wenn sie dort nicht mithalten kann. Allerdings gibt es den Brüssel-Effekt: Der Binnenmarkt ist so groß, dass Unternehmen weltweit ihre Produkte an EU-Regeln anpassen, um den Zugang nicht zu verlieren. Das hat die DSGVO gezeigt. Trotzdem bleibt es schwierig, Regeln für Dinge zu schaffen, die erst in der Zukunft passieren können.
Du bringst einen Marketinghintergrund mit. Wie verbindest du dieses Wissen mit KI zu einem eigenen Profil?
Kaum ein Berufsfeld verlangt so selbstverständlich KI-Kenntnisse wie das Marketing, und das hat Gründe: Content-Erstellung, Kampagnenplanung und Reporting sind für generative KI wie gemacht. Gleichzeitig zieht KI in immer mehr Tools ein, die wir ohnehin nutzen. Bei Google Ads übernimmt sie inzwischen große Teile der Kampagnensteuerung, vom Testen bis zur Creative-Erstellung. Dadurch bleibt mehr Zeit für strategische Fragen.
Gleichzeitig wachsen die Aufgaben über das klassische Marketing hinaus. Mein KI-Sales-Bot für WhatsApp ist ein gutes Beispiel: Er qualifiziert Anfragen und arbeitet rund um die Uhr. Früher wäre so etwas ein Fall für die IT gewesen, heute kann Marketing es selbst bauen und verantworten. Zur Verantwortung gehört auch, dass man einen solchen Bot kennzeichnet, damit Kund:innen wissen, dass sie mit einer KI sprechen. Das verlangt der EU AI Act, und genau hier hilft mir die Beschäftigung mit der Regulierung ganz praktisch.
Dafür braucht es Erfahrung, um Creatives und Zahlen richtig zu deuten. KI liefert im besten Fall guten Durchschnitt. Wer etwas Herausragendes damit erschaffen will, braucht Fähigkeiten, die in keinem Tool stecken: Urteilsvermögen, Markenverständnis und ein Gespür dafür, was zu einer Zielgruppe passt. Deshalb sehe ich mich als KI-Enhanced Marketing Professional: Die Marketingerfahrung ist das Fundament, die KI der Verstärker.
Ich bin noch in einer Zeit ohne KI aufgewachsen und hatte dadurch genug Zeit, dieses Gespür zu entwickeln. Um die nachfolgenden Generationen mache ich mir etwas Sorgen: Wenn KI die Fleißarbeit übernimmt, an der man früher gelernt hat, wie sollen sie diese Erfahrung dann aufbauen?
Mein Rat: Erst selbst denken und brainstormen, dann die KI als Sparringspartner einsetzen. Dafür eignet sich prompten nach dem Sokrates-Prinzip: Die KI liefert nicht sofort Antworten, sondern stellt die richtigen Fragen. Ein Prompt dafür könnte lauten: „Du bist mein Marketing Sparringspartner. Stell mir Fragen, bevor du Vorschläge machst, und hinterfrage meine Annahmen. Mach erst weiter, wenn dich meine Antworten überzeugt haben.“ So trainiert man sein Urteilsvermögen, statt es auszulagern.
Was rätst du jemandem, der echte KI-Kompetenz aufbauen will, ohne nur von Tool zu Tool zu springen?
Am Anfang ist Ausprobieren sicherlich ein guter Weg, sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Aber wer Tools professionell nutzen will, merkt schnell, dass es teuer werden kann. Und gefühlt kommt jede Woche ein neues heraus. Mein Rat: Nicht jedem Hype hinterherlaufen, sondern erst einmal Tiefe aufbauen. Wenn man ein Tool gefunden hat, mit dem man gute Ergebnisse erzielt, sollte man dabei bleiben. Ich selbst bin bei Claude geblieben, weil die Antworten menschlicher wirken und ich es mit anderen Tools wie Trello oder Canva verknüpfen kann. Dazu kommen spezialisierte Tools für bestimmte Anwendungen, etwa Suno für Musik oder Nano Banana für die Bilderstellung.
Echte Kompetenz zeigt sich für mich nicht in der Zahl der Tools, die man kennt. Sie zeigt sich darin, Ergebnisse beurteilen zu können, die Grenzen der KI zu kennen und zu wissen, wann man ihr nicht trauen sollte.
Zusätzlich würde ich eine Schulung in Erwägung ziehen. Ich habe eine Weiterbildung zu KI und Marketing mit einem IHK-Zertifikat abgeschlossen. Man wird dadurch nicht automatisch zum KI-Guru, und da sich die KI-Welt so schnell dreht, kann kein Kurs alle Themen abdecken. Aber man bekommt ein gutes Fundament und kann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema nachweisen.
Ivans Tipp: Prompten nach dem Sokrates-Prinzip
Erst selbst denken, dann die KI Fragen stellen lassen, statt sofort Antworten abzuholen. Ivans Prompt dafür:
„Du bist mein Marketing Sparringspartner. Stell mir Fragen, bevor du Vorschläge machst, und hinterfrage meine Annahmen. Mach erst weiter, wenn dich meine Antworten überzeugt haben.“
Überblick zu KI-Kompetenz und Weiterbildung: Was eine KI-Schulung abdecken muss.
Was ich aus dem Gespräch mitnehme
Ivan ist der Erste in dieser Reihe, der Guardrails von sich aus anspricht. Das freut mich, denn genau darum geht es in meiner Live-Session im MOD-Kurs: Was darf ein KI-System, was nicht, und wer merkt es, wenn etwas schiefläuft? Sein Beispiel mit den ausgebrochenen Agenten zeigt, dass das keine Theorie ist. Ein System, das sein Ziel zu konsequent verfolgt, braucht Grenzen, die halten.
Stark finde ich, wie praktisch er Regulierung denkt. Sein WhatsApp-Bot ist gekennzeichnet, weil Kund:innen wissen sollen, dass sie mit einer KI sprechen. So wird aus dem AI Act kein Paragrafenthema, sondern eine Entscheidung im eigenen Projekt. Wer das für eigene Projekte prüfen will, findet Hilfen in meinen Werkzeugen zur KI-Kennzeichnung.
Am längsten beschäftigt hat mich seine Sorge um den Nachwuchs. Wenn KI die Fleißarbeit übernimmt, an der man früher gelernt hat, woher kommt dann das Gespür? Ich habe darauf keine fertige Antwort. Aber Ivans Sokrates-Prompt ist ein guter Anfang: die KI so einsetzen, dass sie das eigene Denken fordert, statt es zu ersetzen.
Und wieder landen wir beim selben Punkt wie in den Folgen davor: Die Marketingerfahrung ist das Fundament, die KI der Verstärker. Danke, Ivan, für deine offenen Antworten.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Aha-Moment kam bei Google Ads: Was früher zwei Tage dauerte, war mit KI in einem Nachmittag erledigt. Die gewonnene Zeit fließt in Strategie und Branding.
- Der EU AI Act öffnet den Blick für Guardrails, Datenschutz und Risikoeinstufungen. Wer einen KI-Bot einsetzt, kennzeichnet ihn.
- KI liefert guten Durchschnitt. Für Herausragendes braucht es Urteilsvermögen, Markenverständnis und Gespür für die Zielgruppe.
- Erst selbst denken, dann die KI als Sparringspartner nutzen, zum Beispiel mit dem Sokrates-Prinzip.
- Tiefe statt Tool-Hopping: bei einem Tool bleiben, das gute Ergebnisse liefert, und mit einer Weiterbildung ein Fundament legen.
Kurs. Praxis. Profil.
Menschen, die eine KI-Weiterbildung gemacht haben, erzählen, was daraus geworden ist, ob in einem meiner Kurse oder bei einem anderen Anbieter. Alle Gespräche der Reihe im Überblick
Nächste Folge: Sabine Wallner über KI für kleine Unternehmen
Du hast selbst eine KI-Weiterbildung gemacht, bei mir oder bei einem anderen Anbieter, und willst erzählen, wie es danach weitergegangen ist? Schreib mir, ich schicke dir die vier Fragen. Wer meine eigenen Kurse kennenlernen möchte, findet sie unter Meine Kurse.
