Ein guter Teil meiner Arbeit als KI-Dozent besteht darin, Menschen auf Veränderung vorzubereiten. Ich zeige, welche Aufgaben sich automatisieren lassen. Ich frage meine Teilnehmenden, welche Teile ihres Jobs in drei Jahren noch jemand braucht. Und ich rate ihnen, diese Frage lieber früh zu stellen als spät. Das ist ein bequemer Rat, solange man selbst auf der sicheren Seite des Whiteboards steht.
Im September 2026 sind zwei Nachrichten erschienen, die mich von dort wegschieben. Napster, ja, dieses Napster, will Lehrkräfte digital klonen. Und Google hat seine Notebooks in Gemini für Schulen und Bildungseinrichtungen geöffnet, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass Lehrende dort Lehrpläne und Bewertungsraster hochladen und daraus Übungen, differenziertes Material und Feedback erzeugen können. Beides betrifft nicht irgendeinen Beruf. Es betrifft meinen.
Dieser Text ist der Versuch, den Widerspruch auszuhalten, statt ihn wegzumoderieren. Ich predige Transformation und stecke selbst mittendrin. Und ich will eine Frage klären, die mir seit ein paar Tagen nachgeht: Kann ich mich auf die Gegenwehr verlassen, die sich gerade in Schulen und in den Regeln der geförderten Weiterbildung formiert?

Napster klont Lehrkräfte: Der Satz, der hängen bleibt
Ich habe von 2000 bis 2010 bei myToys den Einkauf für Multimedia geleitet. Ich weiß also ungefähr, wie es sich anfühlt, wenn ein Produkt, das gestern noch im Regal stand, plötzlich digital verfügbar ist und niemand mehr dafür bezahlen will. Dass ausgerechnet der Name Napster jetzt in meiner heutigen Branche auftaucht, hat eine Ironie, über die ich nur halb lachen kann.
Die Fakten, wie Wired sie am 18. September berichtet: Das US-Unternehmen Infinite Reality hat Napster 2025 für 207 Millionen Dollar gekauft und zur KI-Plattform umgebaut. Den Musikdienst hat es im Januar 2026 eingestellt. Jetzt hat Napster eine Partnerschaft mit dem Schulbetreiber Gems Education in Dubai geschlossen. Mit seinem Produkt Napster Learn baut es digitale Zwillinge von Lehrkräften, trainiert auf deren Unterrichtsmaterial, Kursen und Aufsätzen. Sie sollen rund um die Uhr für Fragen da sein. Samuel Huber, Napster-Chef für den Nahen Osten und Afrika, nennt das eine „Kopie deiner selbst, mit der du deine Zeit skalieren kannst“.
Was so ein Zwilling kann, beschreibt Napster im eigenen Blog: Er unterrichtet Kurse als Live-Gespräch, in das man jederzeit hineinfragen kann. Er meldet sich von selbst bei Lernenden, die abgetaucht sind. Er spielt im Übungsmodus den skeptischen Gesprächspartner und im Prüfungsmodus den Prüfer. Das ist ziemlich genau die Liste dessen, was ich an einem guten Kurstag mache.
Und dann steht in diesem Blogbeitrag ein Satz, der mich nicht mehr loslassen will. Für den Fall, dass eine Expertin die Organisation verlässt, empfiehlt Napster: den Zwilling stilllegen und einen „Mentor“, also eine erfundene Person ohne echtes Gesicht, auf denselben Wissensdokumenten aufsetzen. Wortlaut: „The capability stays. The face goes home with its owner.“ Das Können bleibt, das Gesicht geht nach Hause.
Das ist ehrlich formuliert, und genau deshalb unangenehm. In dieser Logik ist mein Beitrag zum Kurs das Material. Ich bin das Gesicht dazu. Huber sagt zwar, es gebe zwei Wege: KI ersetzt uns, oder wir nutzen sie, um uns zu verstärken. Nur treffe nicht ich diese Entscheidung, sondern wer den Zwilling bezahlt. Zur Einordnung: Bislang ist das ein Pilotprojekt an einem Campus in Dubai, ohne veröffentlichten Preis und ohne Zahlen dazu, wie viele Schülerinnen und Schüler es nutzen. Beruhigt hat mich das trotzdem nicht.
Gemini Notebooks: das leisere, größere Risiko
Napster ist eine Schlagzeile. Gemini Notebook ist Infrastruktur, und die liegt schon bei meinen Teilnehmenden auf dem Rechner. Ich empfehle sie auf dieser Website sogar selbst. Was Google in diesem Jahr daraus gemacht hat, lässt sich an vier Daten ablesen:
| Datum | Schritt |
|---|---|
| 17.09.2026 | Notebooks in Gemini für Schulen und Organisationen freigegeben |
| 16.07.2026 | NotebookLM heißt jetzt Gemini Notebook, jedes Notebook bekommt einen eigenen Cloud-Rechner |
| 08.06.2026 | NotebookLM führt Code aus, erzeugt PDF-Berichte, PowerPoint, Excel und Arbeitsblätter und sucht sich Quellen selbst im Netz |
| 08.04.2026 | Notebooks erscheinen in der Gemini-App, synchron mit NotebookLM |
Google beschreibt die Anwendung für Bildung ohne Umschweife. Lernende laden ihr gesamtes Kursmaterial in ein Notebook und machen Gemini damit zu einem „kursbewussten Lernpartner“, der eigene Übungsquizze erstellt und komplizierte Themen vereinfacht. Lehrende laden Lehrpläne, Bewertungsraster und Vorlagen hoch und erzeugen daraus passende Aufgaben, differenziertes Material und Feedback.
Der erste Satz beschreibt einen großen Teil dessen, was ich im Kurs tue: erklären, nachfragen, üben lassen, zusammenfassen. Der zweite beschreibt einen großen Teil dessen, was ich vor dem Kurs tue: Material entwickeln. Und das Ganze kommt ohne Vertrag mit einem Bildungsträger aus. Wer meine Unterlagen hat, hat ab jetzt auch einen Nachhilfelehrer dazu.
Noch fehlt dem Notebook, was Napster verkauft: Stimme, Gesicht und die Initiative, sich selbst zu melden. Aber man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass die beiden Linien aufeinander zulaufen. Und das Argument, das ich mir bisher zurechtgelegt hatte, nämlich dass ich weiß, was sich letzte Woche geändert hat, wird dünner, seit das Notebook selbst im Netz nach neuen Quellen sucht.
Die Gegenwehr: wen sie schützt und wen nicht
Es gibt Widerstand, und er kommt aus mehr als einer Richtung. Ich sehe drei Fronten. Nur eine davon betrifft mich direkt.
US-Schulen: Vorsicht, aber kein Nein
Education Week hat am 22. September zusammengetragen, wie amerikanische Schulen auf die aktuellen KI-Schlagzeilen reagieren. New York und Los Angeles haben KI-Werkzeuge für Schülerinnen und Schüler eingeschränkt, in Florida hat die Schulaufsicht Opt-in-Regeln für Familien verlangt. Jeremy Roschelle von Digital Promise will nicht, dass „tausend neue Produkte in die Schulen kommen, die per Vibe-Coding entstanden sind“. Rebecca Winthrop von der Brookings Institution sieht in der Pause aber vor allem die Chance für sinnvollen, eng begrenzten KI-Einsatz. Als Beispiele nennt der Artikel Datenanalyse und personalisierte Übungsaufgaben. Das ist nahezu wörtlich die Produktbeschreibung von Gemini Notebook für Schulen. Diese Gegenwehr sortiert unreife Produkte aus und macht den reifen den Weg frei.
Skandinavien: erst die Grundlagen, dann die KI
Norwegen geht deutlich weiter. Seit Beginn des Schuljahrs Ende August 2026 sollen Kinder der Klassen 1 bis 7 in der Schule grundsätzlich keine generative KI nutzen. Die 14- bis 16-Jährigen dürfen es nur unter Aufsicht ihrer Lehrkräfte, berichtet Reuters. Ministerpräsident Jonas Gahr Støre begründet das so: Das Wichtigste in der Schule sei, dass Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Parallel fließt wieder Geld in gedruckte Schulbücher, laut The Local mindestens eine Milliarde Kronen in dieser Legislaturperiode. Schweden und Dänemark zielen vor allem auf Smartphones und private Bildschirme: Schweden wollte das landesweite Handyverbot an Grundschulen zum 1. August 2026 in Kraft setzen, Dänemark hat im September ein „totales“ Handyverbot angekündigt.
Wer genau hinsieht, erkennt keine Absage an KI, sondern eine Reihenfolge. Laut heise sieht das norwegische Modell für die 17- bis 19-Jährigen ausdrücklich vor, KI-Kompetenzen gezielt zu unterrichten, als Vorbereitung auf Studium und Beruf. Die Schutzzone endet also genau dort, wo meine Teilnehmenden anfangen. Wer bei mir ankommt, hat die Grundlagen hinter sich und braucht KI-Kompetenz eher mehr als weniger.
Geförderte Weiterbildung: die Mauer, die es wirklich gibt
Diese Front betrifft mich unmittelbar. In der von der Arbeitsagentur geförderten beruflichen Weiterbildung definiert der Beirat nach § 182 SGB III seit Juli 2025 sehr genau, was als Unterricht zählt: Zwischen Lehrkräften und Teilnehmenden muss jederzeit eine direkte, unmittelbare Interaktion möglich sein, und die Lehrkräfte begleiten den Unterricht während der gesamten Dauer aktiv. Selbstlernen mit Medien ohne diesen direkten Kontakt ist ausdrücklich kein Unterricht. Ein Forum oder eine Hotline reicht nicht. Asynchrone Anteile dürfen Teil einer Maßnahme sein, zählen aber nicht als Unterrichtsstunden. Mit der Fassung vom 17. Juni 2026 hat der Beirat noch einmal nachgeschärft: Die bloße Möglichkeit, bei Bedarf Kontakt zu einer Lehrkraft aufzunehmen, ist kein synchroner Unterricht.
Der Trend geht hier also klar in Richtung Live-Unterricht mit echten Menschen. Ein digitaler Zwilling, der um zehn Uhr abends antwortet, ist nach dieser Definition kein Unterricht. Wer einen Bildungsgutschein einlöst, bekommt einen Menschen, und zwar live.
Kann ich darauf bauen?
Auf die Schulen nicht. Auf die Förderregeln ein Stück weit. Blind verlassen würde ich mich auch auf sie nicht, aus drei Gründen.
Erstens schützt die Regel die Stunde, nicht die Arbeit drumherum. Sie verlangt einen Menschen im Live-Unterricht. Wer das Material entwickelt, wer die Übungen erstellt und womit Teilnehmende abends lernen, regelt sie nicht. Die Kosten asynchroner Anteile dürfen sogar in die Kalkulation einfließen.
Zweitens ist sie eine Förderregel, keine Naturkonstante. Es sind Empfehlungen eines Beirats, und jede neue Fassung markiert ihre Änderungen in roter Schrift. Dieselben Regeln verpflichten auf Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. Sobald ein KI-Tutor ähnliche Lernerfolge zu einem Bruchteil der Kosten nachweisen kann, wird jemand fragen, ob die Definition von Unterricht noch passt.
Drittens gilt sie nur, wo die Arbeitsagentur zahlt. Unternehmen, die ihre Leute selbst schulen, und Selbstzahler sind frei in ihrer Wahl.
Und die Regel sagt mir noch etwas über mich selbst. Sie definiert meinen Wert als Präsenz. Damit schützt sie mich nur so lange, wie in der Live-Stunde mehr passiert als das, was ein Notebook auch könnte. Wer im synchronen Unterricht Folien vorliest, steht unter dem Schutz der Beiratsregeln, bis jemand merkt, dass nur noch die Hülle geschützt wird.
Was mir die Gegenwehr gibt, ist Zeit und eine klare Linie: Der Mensch gehört in die direkte Interaktion. Auf diese Linie baue ich. Auf die Mauer nicht.
Was von meiner Arbeit obsolet wird, und was nicht
Ich mache mit mir selbst die Übung, die ich meinen Teilnehmenden abverlange: den eigenen Job in Aufgaben zerlegen und jede einzeln ansehen. Das Ergebnis ist weniger beruhigend, als ich es gern hätte.
| Was ich heute tue | Meine Einschätzung |
|---|---|
| Inhalte erklären, Fragen beantworten | übernimmt ein Notebook oder Zwilling, rund um die Uhr und geduldiger als ich |
| Übungen, Quizze, Zusammenfassungen erstellen | schon heute weitgehend automatisierbar |
| Kursmaterial und Folien entwickeln | die Rohfassung liefert die Maschine, die Auswahl bleibt Arbeit |
| Entscheiden, welche KI-Neuigkeit dieser Woche für Marketing wirklich zählt | wird schwerer zu verteidigen, bleibt aber eine Urteilsfrage |
| Aus der Praxis erzählen, woran Kampagnen, Budgets und Teams tatsächlich scheitern | ohne gelebte Erfahrung nicht zu kopieren |
| Eine Gruppe lesen, merken, wer abgehängt ist, jemanden zum Weitermachen bringen | bleibt menschlich, solange Lernende das wollen |
| Verantwortung übernehmen: bewerten, empfehlen, widersprechen | bleibt, weil jemand dafür geradestehen muss |
Das Unbequeme an dieser Tabelle: Die oberen Zeilen sind der Teil meiner Arbeit, den man sieht und zählen kann. Die unteren Zeilen machen einen guten Kurs aus, stehen aber in keiner Leistungsbeschreibung. Wer Bildung einkauft, wird zuerst auf die oberen schauen, denn dort liegt das Einsparpotenzial.
Ich mache mir auch nichts vor, was die unteren Zeilen angeht. Viele Menschen lernen mit einem guten Notebook genug, um ihren Job ordentlich zu machen. Für sie brauche ich keine Rolle mehr zu spielen. Der Markt für reine Wissensvermittlung wird kleiner. Der Markt für Urteil, Erfahrung und Begleitung wird nicht größer, aber er wird wertvoller, weil er der Rest ist.
Meine Erfahrung ist dabei mein stärkstes Argument und zugleich mein vergänglichstes. Dreizehn Jahre Marketingleitung bei myToys, mit Budgets über einer Million Euro und Teams bis zu 40 Leuten, lassen sich nicht in ein Notebook hochladen. Aber sie veralten, wenn ich sie nicht ständig mit dem abgleiche, was heute passiert.
Was ich daraus mache
Hoffen ist keine Strategie, das sage ich im Kurs oft genug. Also ziehe ich für mich fünf Konsequenzen.
- Das Notebook zu meinem Kurs baue ich selbst. Bevor jemand meine PDFs in ein Gemini Notebook wirft, setze ich eins auf, pflege es und gebe es den Teilnehmenden. Dann weiß ich, was es kann, wo es danebenliegt, und ich bleibe derjenige, der entscheidet, was hineingehört.
- Weniger erklären, mehr prüfen lassen. Die Kurszeit gehört künftig dem, was die Maschine schlecht kann: ihre Antworten gegen die Praxis halten, verwerfen, verbessern. Das Notebook liefert die Antwort. Im Kurs lernen wir, ihr zu misstrauen.
- Die Rechtefrage stellen, bevor jemand anders sie beantwortet. Napster trennt selbst sauber zwischen dem Material, das oft der Organisation gehört, und dem Gesicht, das der Person gehört. Ich will bei meinen eigenen Verträgen wissen, wo diese Linie verläuft.
- Öffentlich denken. Ein Zwilling kann wiedergeben, was ich gestern gesagt habe. Was ich nächste Woche für relevant halte, kann er nicht. Deshalb schreibe ich hier, mit Datum und Quelle, was ich heute für wichtig halte und warum.
- Nicht auf den Widerstand wetten. Ich nehme die Zeit, die mir die Vorsicht der Schulen und die Live-Pflicht der Förderregeln verschaffen, und nutze sie für die Punkte eins bis vier. Vor allem dafür, dass die Live-Stunde bei mir etwas bietet, das kein Notebook kann.
Die Musikindustrie hat auf Napster zuerst mit Klagen reagiert und erst Jahre später ein neues Geschäft gefunden. Diese Klagephase möchte ich für mich überspringen.
Den Widerspruch löst das nicht auf. Ich unterrichte weiter KI, und die KI lernt weiter, was ich tue. Ich bin in meinem eigenen Kurs jetzt auch ein Fallbeispiel. Das ist unbequem. Aber es macht mich glaubwürdiger, wenn ich meinen Teilnehmenden sage, sie sollen ihre Arbeit auseinandernehmen, bevor es jemand anders tut.
Quellen
- Napster Is Back, and It Wants to Digitally Clone Teachers, Wired, 18.09.2026
- Your Best Expert Just Became an AI Digital Twin. Now What?, Napster Blog, 17.09.2026
- Headlines Warn of an AI Apocalypse. How Should Schools Respond?, Education Week, 22.09.2026
- Notebooks in Gemini … now for schools and organizations, Google Workspace Updates, 17.09.2026
- NotebookLM is now Gemini Notebook, Google, 16.07.2026
- Do your best research with NotebookLM, Google, 08.06.2026
- Notebooks in Gemini, Google, 08.04.2026
- Empfehlungen des Beirats nach § 182 SGB III, Bundesagentur für Arbeit, Stand 17.06.2026 (S. 21 bis 23: Durchführungsformen, Definition Unterricht, Fernunterricht)
- Norway imposes near ban on AI in elementary school, Reuters, 19.06.2026
- Back to pen and paper: Norway bans AI from primary schools, heise online, 20.06.2026
- What parents need to know about Norway’s drastic new school plan, The Local, 24.09.2026
- Sweden is banning mobile phones in schools, NordiskPost, 08.02.2026
- Denmark wants a total phone ban in schools, NordiskPost, 11.09.2026