Wie berufliche Weiterbildung hilft, KI im eigenen Arbeitsfeld einzuschätzen. Und warum dafür Erfahrung im Beruf zählt.

Eine 43-jährige Frau aus dem kaufmännischen Bereich fragt im SPIEGEL, ob sie wegen KI in einigen Jahren noch einen Arbeitsplatz haben wird. Sie hat unterschiedliche Aufgaben übernommen, sich immer wieder eingearbeitet und liest nun, dass administrative Tätigkeiten verschwinden könnten. Die Frage ist verständlich. Sie lässt sich allerdings nicht mit dem Satz beantworten, man müsse eben offen bleiben und besser prompten.

Die Karriereberaterin Doris Brenner gibt in ihrer Antwort einige vernünftige Hinweise. Sie empfiehlt, KI auszuprobieren, sich weiterzubilden und die eigene Erfahrung einzubringen. Sie verweist auch auf den Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Nur erfährt die Fragestellerin kaum, wie sie ihre konkreten Aufgaben beurteilen soll. Was von ihrer Arbeit lässt sich mit KI vorbereiten? Was kann sie überprüfen? Wo braucht es Rückfragen, Fachwissen oder Verantwortung für eine Entscheidung?

Ein Beruf ist keine Liste von Tätigkeiten, die man abhaken kann

Der Job-Futuromat des IAB zeigt, welches Potenzial digitale Technologien bei Tätigkeiten eines Berufs haben. Das IAB erklärt zugleich, dass automatisierbare Tätigkeiten weiterhin von Menschen erledigt werden können und neue Aufgaben hinzukommen. Wer dort einen hohen Wert sieht, hat also keine Vorhersage für die eigene Kündigung gefunden.

Auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt in ihrer Untersuchung von 2025 vor allem die mögliche Betroffenheit von Berufen durch generative KI. Rund ein Viertel der weltweit Beschäftigten arbeitet demnach in Berufen mit einem gewissen Grad an Exposition. Das ist keine Quote künftiger Jobverluste. Laut ILO ist bei den meisten Berufen eher eine Veränderung der Aufgaben zu erwarten. Wie sie ausfällt, hängt unter anderem davon ab, ob Unternehmen KI überhaupt einsetzen und wie sie Arbeit organisieren.

Für die Frau aus dem SPIEGEL-Beitrag wäre deshalb eine Bestandsaufnahme hilfreicher als ein allgemeines Versprechen über ihre „Zukunftssicherheit“. Welche Vorgänge bearbeitet sie täglich? Welche Daten nutzt sie? Wann prüft sie Ausnahmen? Welche Entscheidungen darf sie selbst treffen, und wer haftet, wenn ein Fehler passiert? Erst mit diesen Antworten lässt sich sinnvoll über ihren Lernbedarf sprechen.

KI kann Aufgaben vorbereiten. Ob Stellen entfallen, hängt auch von der Arbeit im Betrieb und Entscheidungen über Organisation ab.

„Besser prompten“ ist als Karriereberatung zu wenig

Ein guter Prompt kann die Qualität einer KI-Antwort verbessern. Er verschafft niemandem automatisch die Fähigkeit, ein fachlich falsches Ergebnis zu erkennen.

Ich sehe das im Online-Marketing ständig. Eine KI kann eine Wettbewerbsanalyse sauber gliedern, obwohl sie aktuelle Preise oder Produktmerkmale nicht verlässlich kennt. Sie kann eine überzeugende Anzeige schreiben, die ein Angebot falsch beschreibt. Sie kann aus Zahlen eine plausible Erklärung ableiten, obwohl zunächst die Messung geprüft werden müsste. Wer hier nur auf einen flüssigen Text achtet, merkt den Fehler womöglich erst, wenn die Kampagne läuft.

Deshalb beginne ich im Unterricht bei der Arbeit, nicht beim Tool. Wir klären, welches Ziel eine Aufgabe hat, welche Informationen vorliegen und woran sich ein brauchbares Ergebnis erkennen lässt. Danach kann KI beim Recherchieren, Strukturieren, Formulieren oder Analysieren helfen. Die fachliche Prüfung gehört dazu. Manchmal lautet das Ergebnis einer Übung auch, dass der vorgeschlagene KI-Einsatz für diesen Schritt wenig bringt.

Was ein guter KI-Kurs leisten muss

In meinem Kurs zu KI und Automatisierung im Marketing bei MOD Education treffen Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen auf dieselben Werkzeuge. Das ist didaktisch interessant: Wer schon Kampagnen verantwortet, Kundengespräche geführt oder einen Shop betreut hat, stellt andere Fragen als jemand, der gerade erst einsteigt. Beides hat seinen Platz. Die Erfahrung aus dem Beruf hilft aber besonders beim Prüfen von Ergebnissen und beim Erkennen von Ausnahmen.

Eine brauchbare Weiterbildung lässt Teilnehmende deshalb an Aufgaben arbeiten, die ihrem Beruf nahekommen. Im Marketing kann das etwa die Prüfung einer KI-gestützten Inhaltsplanung sein: Stimmen die Aussagen? Passen sie zum Angebot und zur Zielgruppe? Welche Quellen fehlen? Welche Arbeitsschritte lassen sich wiederholen, und wo braucht es eine fachliche Entscheidung? Aus solchen Übungen entsteht eine deutlich bessere Grundlage für die Frage, welche Fähigkeiten man ausbauen sollte.

Der Kurs muss dafür nicht den nächsten Modellnamen zum Unterrichtsziel machen. Modelle und Oberflächen wechseln. Wer den Zweck einer Aufgabe bestimmen, Eingaben und Ergebnisse prüfen und einen Arbeitsablauf sinnvoll verändern kann, nimmt mehr mit als eine Sammlung von Promptvorlagen.

Für jemanden aus der kaufmännischen Sachbearbeitung würde ich trotzdem zuerst die eigenen Arbeitsabläufe untersuchen. Mein Marketingkurs wäre nur dann die passende Weiterbildung, wenn diese Person in das Feld wechseln oder dort arbeiten will. Für andere Aufgaben braucht es Beispiele und Lehrende aus dem jeweiligen Fachgebiet.

Praxisnaher KI-Kurs: Aufgabe klären, KI einsetzen, fachlich prüfen und den Arbeitsablauf gestalten.

KI im Betrieb braucht Mitbestimmung

Die Verantwortung für den Umgang mit KI darf auch nicht allein bei einzelnen Beschäftigten landen. Wenn ein Unternehmen Arbeitsabläufe mit KI verändert, können Betriebsräte und, im öffentlichen Dienst, Personalräte die Fragen stellen, die in einer Toolpräsentation gern untergehen: Welche Aufgaben ändern sich tatsächlich? Wer prüft die Ergebnisse? Werden Beschäftigte durch das System bewertet? Und welche Weiterbildung brauchen sie, bevor neue Verfahren eingeführt werden?

Das ist kein Nebenschauplatz. § 90 des Betriebsverfassungsgesetzes nennt die Planung von Arbeitsverfahren und Arbeitsabläufen einschließlich des Einsatzes von KI ausdrücklich. Der Betriebsrat soll rechtzeitig informiert werden und die Folgen für die Beschäftigten mit dem Arbeitgeber beraten können. Ein Personalrat handelt auf Grundlage des jeweils einschlägigen Personalvertretungsrechts.

Betriebsräte müssen bei KI keine Bremsklötze sein. Sie kennen oft die Stellen, an denen ein geplanter Ablauf im Alltag scheitert. Werden sie früh einbezogen, können sie auf brauchbare Schulungen, klare Zuständigkeiten und Regeln für den Umgang mit Beschäftigtendaten hinwirken. Das kann eine Einführung besser machen, auch für das Unternehmen.

Wer die konstruktive Seite der Mitbestimmung bei KI kennenlernen will, findet bei Ralf Schmilewski eine Perspektive aus der Beratung von Betriebs- und Personalräten. Er arbeitet als Berater zu IT, Datenschutz und KI. Gerade solche Stimmen gehören in die Diskussion darüber, wie Arbeit mit KI konkret gestaltet wird.

Betriebsrat oder Personalrat klärt beim KI-Einsatz Aufgaben, Datennutzung und Weiterbildung mit dem Arbeitgeber.

Wer sollte solche Fragen beantworten?

Journalistinnen und Journalisten können Forschung prüfen, Betroffene befragen und problematische Versprechen hinterfragen. Karriereberatung kann bei der persönlichen Orientierung helfen. Das ersetzt aber keine Beurteilung eines konkreten Arbeitsprozesses durch Menschen, die diesen Beruf kennen und KI dort praktisch einsetzen. Auch die Vertretung der Beschäftigten muss zu Wort kommen, wenn neue Systeme ihre Arbeit verändern. Bei der Frage, wie sich Arbeit verändert, würde ich solche Praktikerinnen und Praktiker und ihre Interessenvertretungen sehr viel häufiger hören wollen.

Übrigens ist Doris Brenner laut der Autorenbeschreibung im SPIEGEL selbst eine erfahrene Beraterin mit beruflichem Hintergrund im Personalwesen. Die Kritik richtet sich also nicht gegen sie als vermeintliche Journalistin. Sie betrifft die Flughöhe der Antwort: „Weiterbilden und KI nutzen“ ist ein Anfang. Für eine berufliche Entscheidung braucht es den nächsten Schritt, nämlich die eigenen Tätigkeiten zu prüfen und daraus einen konkreten Lernplan abzuleiten.

Auch ein guter KI-Kurs kann niemandem einen Arbeitsplatz garantieren. Er kann aber etwas leisten, das bei der nächsten alarmierenden Schlagzeile hilft: Man kann die Behauptung auf den eigenen Beruf beziehen, ihre Grenzen erkennen und gezielt entscheiden, was man lernen möchte.