Gastbeitrag im Interview: Christine Lipic

In meiner Reihe „Kurs. Praxis. Profil.“ frage ich Menschen, die eine KI-Weiterbildung gemacht haben, wie es bei ihnen weitergegangen ist: was geholfen hat, was nicht und was sie anderen raten würden. Alle bekommen vier Fragen. Alle bisherigen Gespräche findest du in der Übersicht der Reihe.
In Folge 6 ist Christine Lipic zu Gast. Sie ist Content Creatorin aus dem Kreis Ludwigsburg und vor allem für ihre humorvollen Videos mit lokalem Bezug bekannt. Ihre selbst getexteten Songs über Baustellen und Staus in der Region haben es bis in die Lokalpresse und in die SWR Landesschau geschafft. Für Unternehmen, Restaurants und Hotels produziert sie Werbevideos und passende KI-Songs. Seit November 2025 macht sie bei MOD education die Weiterbildung zur Full Funnel Online Marketing Managerin mit KI, inzwischen in Teilzeit neben ihren Kundenprojekten. Das KI-Modul hat sie in meinem Kurs absolviert. Was mich an ihren Antworten besonders interessiert: Christine kommt nicht aus dem klassischen Marketing, sondern aus der kreativen Praxis, und zeigt, wie viel Handwerk hinter einem scheinbar schnellen KI-Ergebnis steckt.
Wie bist du zur KI in der Musik- und Videoproduktion gekommen, und was hat sich dadurch an deiner kreativen Arbeit verändert?
Mein Einstieg war rein pragmatischer Natur: Wer Werbe-Content für Unternehmen, Restaurants oder Kommunen produziert, steht vor dem riesigen Problem der Urheberrechte. Man darf keine Trend-Musik nutzen und ist auf lizenzfreie Bibliotheken angewiesen. Ich habe früher unzählige Stunden damit verschwendet, mich durch langweilige Musikdatenbanken zu klicken, um auch nur annähernd etwas Passendes zu finden.
Über ein KI-Tool für Musikproduktion habe ich dann meinen eigenen Befreiungsschlag gefunden: Ich produziere die Songs für meine Videos heute einfach selbst. Ich schreibe und personalisiere die Texte exakt auf das Projekt, bestimme den Vibe und habe am Ende urheberrechtlich saubere Musik, die perfekt auf das Video abgestimmt ist.
Alles begann mit einem Herzensprojekt in meinem Lieblingsrestaurant: Ich wollte ein romantisches Musikvideo drehen, unsere Liebesgeschichte mit meinem Mann, kombiniert mit der besonderen Atmosphäre der Glaskuppel-Iglus im Biergarten. Als der selbstgetextete Song und die gedrehten Szenen am Ende perfekt zusammenpassten, war klar: Das ist genau die Art von emotionalem Content, die ich auch für andere Brands, Restaurants und Städte umsetzen möchte. Durch diesen Ansatz wurden meine regionalen Videos später sogar von TV und Presse aufgegriffen.
Die KI hat meine Arbeit von Grund auf verändert: Ich sehe mich bei der Musikproduktion nicht als Musikerin, sondern als KI-native Content Creatorin, Regisseurin und Künstlerin. Denn die wahre Kunst liegt für mich genau darin, all diese vielfältigen Aufgabenbereiche, von Storytelling über Regie und Schauspiel bis hin zum KI-Prompting, zu einem emotionalen Gesamtkunstwerk zusammenzuführen.
Was kann KI im kreativen Prozess inzwischen wirklich gut, und wo braucht es weiterhin den Menschen?
Die KI ist extrem stark darin, auf Knopfdruck die gewünschte musikalische Stimmung und das Genre zu treffen. Sie liefert in Sekunden ein hochwertiges Klangfundament, das als Inspiration dient.
Unverzichtbar bleibt der Mensch aber überall dort, wo es um Gefühl, Echtes und Feinarbeit geht:
Text und Tonalität: Die KI kennt keine echten Emotionen. Ich passe die Texte immer persönlich an und baue gezielt moderne Begriffe ein, damit der Song nahbar klingt und Jung und Alt gleichermaßen erreicht.
Nachbearbeitung und Aussprache: KI-Stimmen stoßen schnell an Grenzen, besonders bei englischen Begriffen oder deutschen Wortkombinationen. Da braucht es viel Geduld und Kniffe im Prompting, um phonetische Fehler auszubügeln, bis der Text absolut sauber gesungen wird.
Echte Regie und Videomaterial: Das wichtigste Element ist das reale Leben vor der Kamera. Die KI liefert den Soundtrack, aber die Geschichte, das Schauspiel und das echte Videomaterial drehe ich selbst vor Ort.
Was unterscheidet ein nettes KI-Experiment von einem Ergebnis, das professionell im Marketing eingesetzt werden kann?
Der Unterschied liegt zwischen dem bloßen Ausprobieren eines Tools und einem zielgerichteten, kreativen Gesamtprozess. Ein nettes KI-Experiment entsteht, wenn man ungeprüft das erstbeste Ergebnis nimmt und hochlädt. Oft wirken Texte dann phrasenhaft, die Stimmen beliebig oder die Musik passt nicht zur Dramaturgie des Videos.
Ein professionelles Ergebnis für das Marketing unterscheidet sich durch folgende Punkte:
Rechtliche Sicherheit: Für Unternehmen und Werbekampagnen muss die Musik urheberrechtlich und lizenztechnisch absolut sauber sein.
Gezielte Iteration: Manchmal braucht es rund zehn verschiedene Anläufe, Prompt-Anpassungen (z. B. „weniger Intro“, „schnellere Dynamik“) und Korrekturen, bis der Vibe auf den Punkt sitzt. Manchmal passt aber auch schon der erste Entwurf fantastisch.
Abwägung und Kompromissbereitschaft in der Praxis: Generative KI erzeugt nie zweimal exakt denselben Song. Wenn ein Track musikalisch und emotional genial ist, aber die KI etwa bei einem Namen mit einem Stumm-H die Vokaldehnung ignoriert und den Namen dadurch anders und kurz ausspricht, muss man realistisch abwägen: Versucht man neu zu prompten und riskiert, den magischen Sound des Tracks zu verlieren, oder steht man zu diesem kleinen Fehler?
Symbiose mit echtem Content: Ein KI-Song entfaltet seine volle Wirkung erst im Zusammenspiel mit selbstgedrehtem, authentischem Videomaterial vor Ort. Erst diese Kombination erzeugt echte Emotionen und Markenwert.
Was hat dir geholfen, aus dem Kennenlernen von KI-Tools einen eigenen Anwendungsbereich und einen funktionierenden Workflow zu entwickeln?
Es war eine Kombination aus mutigem „Learning by Doing“ an eigenen Praxisprojekten und dem fundierten Wissen aus meinen Weiterbildungen bei MOD education. Theorie ist gut, aber der Durchbruch kam durch das Ausprobieren im echten Leben: Ideen direkt in eigene Videos umsetzen, aus Fehlern lernen und das Gelernte aus Social Media Management, UI/UX und KI-Modulen zu einem stimmigen Gesamtpaket verknüpfen.

Große Agenturen oder erfolgreiche Influencer arbeiten oft mit ganzen Teams und eigenen Managern im Hintergrund. Als Einzelunternehmerin nutze ich KI-Tools, um mir genau diese Strukturen selbst aufzubauen: Ich versetze die KI gezielt in die Rolle meines eigenen erfahrenen Managers oder Rechtsexperten. So habe ich jederzeit einen professionellen Sparringspartner für Strategien, Verträge und neue Ideen an meiner Seite, ohne für jede Aufgabe direkt ein externes Team buchen zu müssen.
Kein blauäugiges Vertrauen: Ich übernehme KI-Antworten jedoch nie ungeprüft, schon gar nicht bei Rechtsfragen. Wer sich auskennt, weiß, dass KI nicht sagt „Ich weiß es nicht genau“, sondern Halluzinationen absolut überzeugend verkauft. Eine scheinbar perfekte fachliche KI-Antwort könnte schlichtweg von der KI erfunden sein. Dazu gehören eine akribische Quellenprüfung, zweites Prompting und der Gegencheck mit weiteren Tools. Das ist echte Recherchearbeit.
Der unsichtbare Arbeitsaufwand dahinter: Viele Außenstehende denken fälschlicherweise: „Das macht doch die KI auf Knopfdruck, ein bisschen filmen kann jeder.“ Sie sehen nicht, wie viel echtes Handwerk und Zeit in einem 30-Sekunden-Reel oder einem Musikvideo stecken. Die KI nimmt mir am Set keinen Millimeter Arbeit ab: Ich bin quasi Regisseurin, Drehbuchautorin, Schauspielerin, Set-Designerin, Sprecherin und Cutterin. Man lernt Texte auswendig, richtet das Setup ein und dreht Szenen komplett neu, weil plötzlich der Regen einsetzt.
Die KI ist eine enorme Bereicherung, aber sie ersetzt weder den reflektierten Verstand noch den enormen Aufwand hinter den Kulissen. Genau diese kritische und professionelle Haltung war die wertvollste Lektion aus meinem Kurs bei MOD education.
Christines Tipp: KI als Managerin, aber mit Gegencheck
Wer allein arbeitet, kann die KI in die Rolle einer erfahrenen Managerin oder eines Rechtsexperten versetzen und sie als Sparringspartner nutzen. Christine prüft jede wichtige Antwort in drei Schritten:
- Quellen akribisch nachprüfen.
- Ein zweites Mal prompten und die Antworten vergleichen.
- Mit einem weiteren Tool gegenchecken.
Überblick zu KI-Kompetenz und Weiterbildung: KI-Schulung: Was du heute wirklich lernen solltest.
Was ich aus dem Gespräch mitnehme
Christine bringt eine Perspektive in die Reihe, die bisher gefehlt hat. Sie kommt nicht aus dem Konzernmarketing, sondern aus der kreativen Praxis, und sie arbeitet allein. Gerade deshalb finde ich ihren Umgang mit KI so aufschlussreich: Die KI ersetzt bei ihr kein Team, sie gibt ihr eines. Managerin, Rechtsexperte, Sparringspartner, alles auf Zuruf.
Am meisten hängen geblieben ist mir der unsichtbare Arbeitsaufwand. Von außen sieht ein 30-Sekunden-Reel mit KI-Song nach einem Knopfdruck aus. Dahinter stecken zehn Anläufe beim Prompten, auswendig gelernte Texte und ein Dreh, der wegen Regen von vorn beginnt. Das Beispiel mit dem Stumm-H ist dafür mein Favorit: Neu prompten und den guten Sound riskieren, oder mit dem kleinen Fehler leben? Solche Abwägungen kann einem kein Tool abnehmen.
Einen Punkt möchte ich für alle vertiefen, die jetzt selbst mit KI-Songs loslegen wollen: das Recht. Christine nennt urheberrechtlich saubere Musik als großen Vorteil, und sie weiß genau, worauf es dabei ankommt. Für Einsteiger ist das weniger selbstverständlich. Ob ein KI-Song kommerziell genutzt werden darf, hängt vom Tool und vom Tarif ab, denn nicht jede Lizenz erlaubt den Einsatz in Werbung oder für Kunden. Dazu kommt, dass die Rechtslage rund um KI-Musik noch in Bewegung ist. Wer KI-Songs für Unternehmen produziert, sollte deshalb die Nutzungsbedingungen genau lesen, so wie Christine es bei Rechtsfragen grundsätzlich hält. Um solche Leitplanken geht es auch in der Live-Session zu Guardrails im MOD-Kurs.
Und wieder landen wir beim selben Punkt wie in den Folgen davor: Die KI liefert das Fundament, den Unterschied macht der Mensch. Danke, Christine, für deine offenen Antworten.
Das Wichtigste in Kürze
- KI-Songs lösen ein praktisches Problem: passende Musik für Werbevideos, ohne auf Trend-Musik oder langweilige Datenbanken angewiesen zu sein.
- KI trifft Stimmung und Genre auf Knopfdruck. Text, Tonalität, Aussprache und das Videomaterial bleiben Handarbeit.
- Professionell wird es durch rechtliche Sicherheit, gezielte Iteration und die Kombination mit echtem, selbst gedrehtem Material.
- Als Einzelunternehmerin lässt sich die KI als Managerin oder Rechtsexperte einsetzen, aber nie ohne Quellenprüfung und Gegencheck.
- Hinter einem schnellen KI-Ergebnis steckt viel unsichtbare Arbeit: Regie, Drehbuch, Schauspiel, Schnitt.
Kurs. Praxis. Profil.
Menschen, die eine KI-Weiterbildung gemacht haben, erzählen, was daraus geworden ist, ob in einem meiner Kurse oder bei einem anderen Anbieter. Alle Gespräche der Reihe im Überblick
Nächste Folge: Sven Preuß über belastbare KI-Ergebnisse
Du hast selbst eine KI-Weiterbildung gemacht, bei mir oder bei einem anderen Anbieter, und willst erzählen, wie es danach weitergegangen ist? Schreib mir, ich schicke dir die vier Fragen. Wer meine eigenen Kurse kennenlernen möchte, findet sie unter Meine Kurse.
