57 Prozent der Unternehmen in Deutschland setzen KI ein, aber 87 Prozent von ihnen schöpfen ihr Potenzial nach eigener Einschätzung wenig oder gar nicht aus. Das ist für mich die wichtigste Aussage der neuen Bitkom-Studie, auch wenn die Überschrift der Presseinformation die erste Zahl feiert. Eine Lizenz zu haben, heißt noch nicht, mit KI besser zu arbeiten.
Meine Lesart: Der Engpass ist nicht mehr die Technik, sondern die Kompetenz der Menschen, die mit ihr arbeiten sollen. Zwei Drittel der Unternehmen halten sie für gering. Geschult wird inzwischen häufig, aber meist nur ein Teil der Belegschaft.
Von 20 auf 57 Prozent in zwei Jahren
Bitkom Research hat 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten telefonisch befragt, zwischen Kalenderwoche 28 und 33 dieses Jahres. Die Presseinformation dazu trägt das Datum 14. September 2026. Die Entwicklung ist steil:

| 2024 | 2025 | 2026 | |
|---|---|---|---|
| Setzen KI ein | 20 % | 36 % | 57 % |
| KI ist für uns kein Thema | 41 % | 17 % | 4 % |
Weitere 38 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Dazu passt die Stimmung: 91 Prozent halten KI für die wichtigste Zukunftstechnologie, nur noch 8 Prozent für einen überschätzten Hype. 2024 sagte das noch rund jedes vierte Unternehmen.
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Was „nutzen“ in der Studie heißt
Die 57 Prozent sind eine Selbstauskunft, und drei Dinge solltest du beim Lesen im Kopf behalten.
- Kleine Betriebe fehlen. Befragt wurden nur Unternehmen ab 20 Beschäftigten. Über Handwerksbetriebe, kleine Agenturen oder Selbstständige sagt die Zahl nichts.
- Die Tiefe bleibt offen. In der Presseinformation steht nicht, ab welchem Umfang ein Unternehmen als Nutzer zählt. Ein einzelner Chatbot im Kundenservice und ein durchgängig automatisierter Prozess landen in derselben Spalte.
- Der Einsatz ist schmal. Am häufigsten arbeitet KI im Kundenkontakt (72 Prozent) und in Marketing und Kommunikation (54 Prozent). Danach wird es schnell dünn: Controlling und Rechnungswesen 25 Prozent, Wissensmanagement und Produktion je 22 Prozent, Vertrieb 14 Prozent, IT-Abteilung 9 Prozent, Management 7 Prozent.
Für Marketing-Teams heißt das: Ihr seid nicht die Nachzügler, ihr seid einer der beiden Bereiche, in denen KI im Unternehmen zuerst ankommt. Umso mehr hängt davon ab, wie gut dort gearbeitet wird.
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
59 Prozent schöpfen nichts aus, 66 Prozent sind trotzdem wettbewerbsfähiger
Kein einziges Unternehmen mit KI im Einsatz gibt an, das Potenzial vollständig zu nutzen. 3 Prozent tun es nach eigener Einschätzung eher stark, 28 Prozent eher wenig, 59 Prozent überhaupt nicht. Laut Bitkom ist dieser Anteil vom Betrieb mit 20 Beschäftigten bis zum Konzern fast gleich.
Dieselben Anwender berichten aber von Wirkung:
- 66 Prozent haben ihre Wettbewerbsposition verbessert.
- 48 Prozent haben interne Prozesse deutlich beschleunigt.
- 45 Prozent sehen einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg.
- 40 Prozent haben die Qualität ihrer Produkte oder Dienstleistungen verbessert.
- 36 Prozent haben mit KI neue Produkte oder Dienstleistungen entwickelt.
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Wie passt das zusammen? Ich halte beides für plausibel. Die ersten Gewinne sind billig zu haben: schnellere Antworten im Service, schnellere Entwürfe im Marketing. Wer das erlebt hat, sieht zugleich, wie viel noch liegen bleibt. „Überhaupt nicht ausgeschöpft“ lese ich deshalb weniger als Eingeständnis des Scheiterns und mehr als realistischen Blick auf den eigenen Stand.
Weniger beruhigend ist das Motiv hinter dem Einstieg. Ein Drittel der Anwender (33 Prozent) sagt, es setze KI vor allem aus Angst ein, sonst den Anschluss zu verlieren. 34 Prozent der Unternehmen sorgen sich, dass KI ihre Existenz gefährdet, im Vorjahr waren es 23 Prozent. 61 Prozent meinen, Unternehmen ohne KI hätten keine Zukunft. Wer aus Angst einführt, kauft zuerst ein Werkzeug und überlegt danach, wofür. Das erklärt einen Teil der Lücke zwischen Nutzen und Ausschöpfen. Mehr dazu in KI im Mittelstand: Warum Tools allein keinen Wettbewerbsvorteil schaffen.
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Die Lücke heißt Kompetenz
66 Prozent der Unternehmen schätzen die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten als gering ein, nur 28 Prozent als hoch. Unter den Anwendern sind es 40 Prozent, unter den Unternehmen ohne KI 14 Prozent. Erfahrung hilft also. Aber auch von den Unternehmen, die KI längst einsetzen, bescheinigen sechs von zehn ihrer Belegschaft keine hohe Kompetenz.
Die Hemmnisse zeigen dasselbe Bild von zwei Seiten:
| Unternehmen ohne KI | Unternehmen mit KI |
|---|---|
| Fehlendes technisches Know-how: 85 % | Anforderungen an den Datenschutz: 66 % |
| Rechtliche Hürden und Unklarheiten: 66 % | Rechtliche Verunsicherung: 56 % |
| Schwer kalkulierbare Kosten: 63 % | Schwer kalkulierbare Kosten: 54 % |
| Fehlende personelle Ressourcen: 51 % | Sorge um Unternehmensdaten: 45 % |
| Fehlende Daten: 40 % | Fehlende Akzeptanz der Beschäftigten: 42 % |
| Keine Anwendungsfälle: 30 % | Schlechte Qualität der Ergebnisse: 26 % |
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Auffällig ist, was unten steht. Nur ein Viertel der Anwender beklagt schlechte Ergebnisse, nur 11 Prozent fehlen die Anwendungsfälle. An den Modellen liegt es also kaum. Es hakt an Fragen, die Menschen beantworten müssen: Was darf ich eingeben? Welche Daten sind tabu? Wofür setzen wir das überhaupt ein? Und warum sollte ich meine Arbeitsweise ändern? Das sind Kompetenzfragen, keine Technikfragen.
70 Prozent schulen, aber meist nur einen Teil der Belegschaft
Die gute Nachricht: 70 Prozent der Unternehmen schulen ihre Beschäftigten inzwischen im Umgang mit KI. Nur noch 25 Prozent bieten gar nichts an, im Vorjahr waren es 43 Prozent. Unter den Anwendern schulen 91 Prozent.
Die Einschränkung steckt in der Verteilung:
- 11 Prozent schulen alle Beschäftigten.
- 22 Prozent schulen einen Großteil.
- 37 Prozent schulen ausgewählte Beschäftigte.
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Die größte Gruppe schult also nur Einzelne. Nur ein Drittel der Unternehmen erreicht alle oder die meisten. So entstehen Kompetenzinseln: ein paar Leute, die es können, und drumherum Kolleginnen und Kollegen, die das Werkzeug zwar haben, aber weder sicher noch regelmäßig nutzen. Die 42 Prozent, die fehlende Akzeptanz in der Belegschaft beklagen, überraschen mich deshalb nicht.
Dabei ist Schulung der billigste Hebel in der ganzen Rechnung. Als großen Kostenpunkt nennen die Anwender Infrastruktur (51 Prozent), Datenaufbereitung (50 Prozent) und Integration in bestehende Systeme (41 Prozent). Lizenzen sind es für 21 Prozent, die Schulung der Beschäftigten für 19 Prozent. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt es auf den Punkt: „Wer nur eine Lizenz kauft, hat KI eingekauft, aber noch nichts verändert.“
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Ich bin Dozent für KI und sehe das Thema naturgemäß durch die Brille der Weiterbildung. Die Zahlen stützen die Sicht trotzdem: Der Unterschied zwischen 40 und 14 Prozent hoher Kompetenz entsteht durch Anwenden und Üben, nicht durch den Kauf. Hinzu kommt die Rechtslage. Wer KI beruflich einsetzt, muss Maßnahmen zum Aufbau von KI-Kompetenz ergreifen. Was dafür genügt, steht in KI-Schulungspflicht: Muss mein Unternehmen Mitarbeitende in KI schulen?
Was die Studie sonst noch zeigt
- KI-Agenten: 11 Prozent der Unternehmen, die KI nutzen, planen oder diskutieren, setzen Agenten schon ein. 29 Prozent planen es, 31 Prozent diskutieren darüber, für 24 Prozent ist es kein Thema.
- AI Act: 37 Prozent sehen sich als Anwender betroffen (Vorjahr: 23 Prozent). 66 Prozent meinen, die Verordnung bringe deutschen Unternehmen mehr Nachteile als Vorteile (Vorjahr: 56 Prozent).
- Budget: 45 Prozent geben 2026 mehr Geld für KI aus als im Vorjahr, die Hälfte gleich viel, 3 Prozent eher weniger.
- Arbeitsplätze: 45 Prozent erwarten in den nächsten zwei Jahren einen leichten, 12 Prozent einen deutlichen Rückgang der Beschäftigtenzahl durch KI. 14 Prozent rechnen mit einem leichten Anstieg.
Quelle: Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
Was das für dich heißt
- Miss dich nicht an den 57 Prozent. Ob dein Unternehmen KI „nutzt“, ist die falsche Frage. Die bessere lautet: Bei welcher Aufgabe sind wir messbar schneller oder besser geworden? Eine erste Standortbestimmung liefert der KI-Readiness-Check.
- Erst Anwendungsfall und Regeln, dann die nächste Lizenz. Die Hemmnisse der Anwender sind Datenschutz, Rechtsunsicherheit und Akzeptanz. Alle drei löst du mit klaren Vorgaben, was erlaubt ist, und nicht mit einem weiteren Tool.
- Schule breit statt nur die Vorreiter. Ausgewählte Beschäftigte zu schulen, ist ein Anfang. Wirkung im Alltag entsteht erst, wenn das ganze Team dieselben Grundlagen hat. Welche das sind, steht in KI-Schulung: Was du heute wirklich lernen solltest.
- Lass dich von der Angst nicht treiben. Neun von zehn Anwendern stehen nach eigener Einschätzung noch am Anfang. Du hast Zeit, es ordentlich zu machen.