
Vor ein paar Monaten habe ich irgendwo ein T-Shirt gesehen, auf dem sinngemäß etwas stand wie „We run out of tokens“. Meine Reaktion war ziemlich eindeutig: Oh Gott, wie blöd ist das denn? Jetzt geben die Leute schon mit ihren Tokens an.
Ich fand das wirklich ein bisschen albern. KI-Nerdtum zum Anziehen. Seht her, ich arbeite so wahnsinnig viel mit KI, dass mir sogar die Tokens ausgehen. Herzlichen Glückwunsch.
Nun ja.
Bums.
Gestern früh startete ich meine üblichen KI-Tools und arbeitete so vor mich hin. Ein bisschen Text, ein bisschen Recherche, hier eine Idee ausprobieren, dort etwas weiterbauen. Eigentlich ein ganz normaler Morgen inzwischen.
Dann war beim ersten Tool Schluss. Limit erreicht.
Beim nächsten waren kurz darauf die Credits aufgebraucht. Und weil ich offenbar ein Talent für schlechtes Timing habe, meldete sich wenig später auch das dritte System und wollte Geld sehen.
Drei Tools. Dreimal Feierabend.
Ende, Token-Gelände.
Und plötzlich musste ich an dieses bescheuerte T-Shirt denken.
Ich war aber noch nicht fertig
Das Ärgerliche daran waren gar nicht die Tokens oder Credits an sich. Das Problem war, dass ich in allen drei Tools schon mitten in irgendetwas steckte.
Hier war ein Text noch nicht fertig. Dort hatte ich gerade einen Ansatz gefunden, den ich weiterverfolgen wollte. Im dritten Tool lag irgendeine Idee herum, bei der ich unbedingt noch wissen wollte, ob sie funktioniert.
Und genau in diesem Moment sagt dir die Maschine sinngemäß: Schöne Idee. Bitte Geld nachwerfen.
Natürlich könnte ich das machen. Genau dafür gibt es schließlich die hübschen Buttons mit „Upgrade“, „Buy Credits“ oder was auch immer sich das jeweilige Geschäftsmodell ausgedacht hat.
Hier 20 Euro, dort 40, beim nächsten Anbieter ein größeres Paket und bei Tool Nummer 4 könnte man eigentlich auch noch auf den nächsthöheren Tarif wechseln.
Kann man machen. Wenn man genug KI-Tools benutzt, kann man allerdings auch erstaunlich viel Geld in kleinen Portionen versenken.
Das eigentliche Problem: Ich habe zu viele Ideen
Was mich daran gestern Morgen wirklich beschäftigt hat, war etwas anderes.
Ich habe momentan viele Ideen. Sehr viele sogar. Für PromptPower, für meine Kurse, für Texte, kleine Experimente, Automatisierungen und Dinge, bei denen ich einfach wissen möchte, ob sie funktionieren.
Und KI hat dieses Problem verschärft.
Früher hätte ich bei vielen Sachen gedacht: Das müsste man eigentlich mal ausprobieren, aber das kannst du nicht alleine. Oder im alten Job war da immer der Gedanke, dafür brauchst du jemanden aus der IT. Und damit war der Gedanke schon mal weggeparkt.
Heute denke ich: Das probiere ich kurz aus. Und häufig kann ich das tatsächlich.
Ich kann einen Prototypen bauen, Daten analysieren, eine Grafik ausprobieren oder einen Gedanken mit einem Modell durchspielen. Die Distanz zwischen einer Idee und dem ersten Ergebnis ist teilweise lächerlich klein geworden.
Das ist eine ziemlich tolle Zeit, in der wir leben.
Aber nur weil ich plötzlich viel mehr ausprobieren kann, habe ich weder unendlich viel Zeit noch unendlich viel Geld. Und offensichtlich habe ich auch keine unendlichen Credits.
Nur noch diesen einen Prompt
Richtig interessant wird es an dem Punkt, an dem man merkt, wie schnell man sich an diese Arbeitsweise gewöhnt hat.
Denn natürlich wollte ich weitermachen und nur noch diese eine Sache fertigstellen.
Nur noch schauen, ob die andere Variante vielleicht besser funktioniert. Nur noch den Fehler beheben. Nur noch einen Prompt…
Und dann ertappe ich mich tatsächlich dabei, wie ich auf so einen Credit-Button schaue und denke: Ach komm. Die paar Euro. Ich will das jetzt fertig machen.
Das hat schon fast etwas von einem Junkie, der auf den nächsten Schuss wartet.
Ja, der Vergleich ist natürlich reichlich überzogen. Aber dieses kleine „nur noch einmal“ kommt mir inzwischen verdächtig bekannt vor und das finde ich bemerkenswert.
Denn ich kaufe in diesem Moment nicht wirklich Tokens oder Credits. Ich kaufe mir vor allem die Möglichkeit, meinen Gedanken nicht unterbrechen zu müssen.
Ich bin gerade drin. Ich habe eine Idee. Es funktioniert. Ich will wissen, wie es weitergeht.
Und genau dann geht die Schranke runter.
Geld einwerfen, bitte.
Vor drei Monaten habe ich darüber noch gelacht
Vielleicht gefällt mir die Geschichte gerade deshalb so gut. Vor ein paar Monaten sehe ich dieses T-Shirt und denke: Was für ein Quatsch.
Heute stehe ich selbst für das KI-generierte Beitragsbild in einem Shirt mit „WE REQUIRE MORE TOKENS!“ da, recke wütend die Fäuste und bin im Grunde exakt dieser Typ geworden. Das Universum hat manchmal einen ziemlich billigen Humor.
Wir reden bei KI ständig darüber, wie schnell sich die Technik verändert. Alle paar Wochen gibt es neue Modelle, neue Funktionen, Agenten, Benchmarks, Coding-Tools und irgendwelche Dinge, von denen uns jemand erklärt, dass sie jetzt endgültig alles verändern werden.
Dabei verändern sich auch unsere eigenen Gewohnheiten verdammt schnell. Dinge, die vor einem Jahr exotisch waren, sind heute Bestandteil meines normalen Arbeitstags. Arbeitsweisen, die ich vor wenigen Monaten noch nicht hatte, fehlen mir inzwischen sofort, wenn irgendein Nutzungslimit dazwischenfunkt.
Und ein T-Shirt, über das ich vor drei Monaten noch gelacht habe, trifft plötzlich ziemlich genau meinen Alltag. So schnell geht das.
Vielleicht brauche ich gar nicht mehr Credits
Die naheliegende Lösung wäre natürlich, überall größere Pakete zu buchen. Mehr Credits, höhere Limits, noch ein Pro-Account.
Genau da versuche ich inzwischen aber, ein bisschen aufzupassen. Denn mein eigentliches Problem ist nicht, dass mir die Möglichkeiten fehlen. Eher das Gegenteil.
Ich könnte jeden Tag mehr anfangen, als ich jemals fertigstellen werde.
Vielleicht ist deshalb so ein erzwungenes „Keine Credits mehr“ gelegentlich gar nicht das Schlechteste. Nicht jede Idee muss sofort umgesetzt werden. Nicht jeder Text braucht noch fünf Varianten. Und nur weil ich etwas mit KI innerhalb von zehn Minuten ausprobieren kann, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch ausprobieren muss.
Eigentlich ist das genau der Punkt, den ich auch in meinen Kursen immer wieder vermittle: KI ist ein Werkzeug. Ein ziemlich mächtiges Werkzeug inzwischen, aber eben ein Werkzeug. Die Entscheidung, was sinnvoll ist und wofür man seine Zeit verwendet, nimmt es einem nicht ab.
Genau deshalb halte ich Urteilskraft und kritisches Denken im Umgang mit KI inzwischen für wichtiger als die nächste Tool-Funktion.
Und vielleicht müssen wir künftig noch etwas anderes lernen:
Nicht nur sinnvoll mit KI zu arbeiten, sondern auch irgendwann aufzuhören.
Selbst wenn da noch eine Idee ist. Selbst wenn ich eigentlich nur noch ganz kurz etwas testen wollte.
Und selbst wenn direkt vor mir dieser verdammte Button steht:
Credits kaufen.
Ich den Button übrigens nicht gedrückt.
Noch nicht.