Update vom 25.09.2026: Im Juni war WebMCP für mich noch eine Frage mit Schema.org-Vergleich. Inzwischen gibt es einen Chrome-Test auf echten Websites, Shopify, Cloudflare und ChatGPT sind eingestiegen, Edge zieht nach. Ich habe den Beitrag deshalb komplett überarbeitet: mit dem Stand September 2026, dem Unterschied zu MCP und einer Liste, was Marketing-Teams jetzt tun sollten.

Vor Kurzem hatte ich auf 15 Jahre Schema.org hingewiesen. Die Entwicklung, die ich langfristig für deutlich relevanter halte, heißt WebMCP, ausgeschrieben Web Model Context Protocol. Damals, im Juni, war das ein Vorschlag mit ein paar Demos. Drei Monate später stellt Shopify WebMCP-Tools auf allen Liquid-Shops bereit, und ChatGPT kann sie benutzen.

Ob sich WebMCP als Standard durchsetzt, ist immer noch offen. Aber es ist jetzt konkret genug, dass Marketing- und SEO-Teams wissen sollten, was es kann und was nicht.

Was ist WebMCP?

WebMCP ist ein vorgeschlagener Webstandard von Google und Microsoft. Eine Website beschreibt damit einzelne Funktionen, etwa „Produkte suchen“ oder „Termin buchen“, als Werkzeuge (Tools), die ein KI-Agent im Browser direkt aufrufen kann. Jedes Tool hat einen Namen, eine Beschreibung in normaler Sprache und festgelegte Eingaben. Der Agent muss dann nicht mehr raten, welcher Button was tut.

WebMCP: Websites für KI-Agenten beschreiben

Bisher analysieren Agenten Seitenaufbau, Screenshots und Formulare und klicken sich dann durch, wie ein Mensch mit sehr schlechter Brille. Das ist langsam und fehleranfällig. Mit WebMCP sagt die Website dem Agenten selbst, was sie anbietet, zum Beispiel:

  • „Durchsuche den Produktkatalog“
  • „Filtere nach Größe und Preis“
  • „Buche einen Termin“
  • „Starte eine Anmeldung“

Zur Einordnung: Die Tools funktionieren nur, solange die Seite im Browser geöffnet ist, und zwar in der Sitzung des Nutzers. WebMCP ist kein Hintergrunddienst, über den Agenten unbeobachtet mit einer Website verhandeln. Laut Spezifikation arbeiten Mensch und Agent in derselben Oberfläche zusammen.

MCP, WebMCP und MHS: drei Protokolle, drei Ebenen

Der Name führt leicht in die Irre. MCP, das Model Context Protocol, hat Anthropic Ende 2024 als offenen Standard veröffentlicht. Es verbindet KI mit Datenbanken, CRM-Systemen oder APIs und wird inzwischen von vielen KI-Werkzeugen unterstützt. WebMCP leiht sich davon die Idee des Tools, ist technisch aber eine eigene Browser-Schnittstelle. Und seit Ende August gibt es mit dem Model Hardware Standard (MHS) von Anthropic einen dritten Verwandten, der KI an Geräte anschließt.

MCPWebMCPMHS
Verbindet KI mitDaten, Tools und APIs (CRM, Datenbanken, Dateien)den Funktionen einer geöffneten WebsiteLabor- und Produktionsgeräten mit Programmierschnittstelle
Wo es läuftauf Servern, ohne Browserim Browser-Tab, in der Sitzung des Nutzersüber Treiber am Gerät, ansteuerbar zum Beispiel per MCP
Wer steht dahinterAnthropic, offener StandardGoogle und Microsoft, W3C Web Machine Learning Community GroupAnthropic mit HHMI Janelia
Stand September 2026breit im EinsatzEntwurf, Origin Trial in Chrome und EdgeResearch Preview für ausgewählte Partner

Für Marketing ist WebMCP der wichtigste der drei, weil er die eigene Website betrifft. MCP ist die Ebene dahinter: Moz rechnet damit, dass viele Unternehmen beides nutzen werden: MCP für die Backend-Anbindung, WebMCP für das, was auf der Seite passiert.

MHS zeigt, wohin die Reise insgesamt geht. Anthropic will Agenten damit an Mikroskope, Pipettierroboter, Roboterarme oder Messgeräte lassen. Das Problem dahinter ist alt und unerquicklich: Jedes Gerät spricht seine eigene technische Sprache, schon die Integration mehrerer Systeme kostet Labore Wochen. In den Tests der Partner hat ein Agent über MHS zum Beispiel die Laserstabilisierung an Quantencomputern von QuEra von 58 auf 99,3 Prozent verbessert. Noch ist das eine Research Preview. Die Richtung ist trotzdem klar: Agenten sollen nicht nur digitale Abläufe koordinieren, sondern auch reale.

Was seit Juni passiert ist

  • 10. Februar: Google startet ein Early Preview Program, WebMCP läuft in Chrome Canary hinter einem Testschalter.
  • 9. Juni: Chrome öffnet einen Origin Trial ab Version 149. Seitdem können Websites WebMCP für echte Besucher ausspielen, nicht nur im Testlabor.
  • August: Shopify stellt auf allen Liquid-Shops zehn WebMCP-Tools bereit. Cloudflare zeigt eine Entwicklervorschau, mit der sich WebMCP im Dashboard einschalten lässt, ohne den Code der Website anzufassen.
  • 25. August: OpenAI ergänzt „Site tools“ im Browser der ChatGPT-Desktop-App. Damit gibt es zum ersten Mal einen Agenten, den normale Nutzer haben und der die Tools einer Seite erkennt und aufruft.
  • 21. September: Microsoft meldet, dass die WebMCP-Umsetzung in Edge testbereit ist. Auch Edge führt WebMCP inzwischen als Origin Trial.

Das klingt nach Durchbruch, ist aber vor allem ein Chromium-Thema. Die Spezifikation ist ein Entwurf der W3C Web Machine Learning Community Group und kein W3C-Standard. Mozilla steht dem Vorschlag laut Search Engine Journal neutral gegenüber, das WebKit-Team hinter Safari lehnt ihn ab. Und die Schnittstelle bewegt sich noch: Aus navigator.modelContext ist inzwischen document.modelContext geworden. Wer Anleitungen aus dem Frühjahr liest, sollte auf das Datum achten.

Belastbare Zahlen gibt es auch noch nicht. Weder OpenAI noch Shopify haben veröffentlicht, wie oft die Tools genutzt werden, wie viele Aufgaben dadurch klappen oder was das für die Conversion bedeutet.

Wie WebMCP technisch funktioniert

Es gibt zwei Wege, und der erste ist erstaunlich unspektakulär.

Deklarativ, direkt im HTML: Ein vorhandenes Formular bekommt ein paar zusätzliche Attribute. toolname ist der Name, unter dem der Agent das Tool aufruft, tooldescription beschreibt in einem Satz, was es tut, und toolparamdescription erklärt einzelne Felder. Ein Kontaktformular sähe etwa so aus:

<form toolname="beratung_anfragen"
      tooldescription="Fragt eine Kursberatung an">
  <label for="name">Name</label>
  <input id="name" name="name">
  <label for="thema">Thema</label>
  <input id="thema" name="thema"
         toolparamdescription="Kursthema, z. B. SEO">
  <button type="submit">Anfrage senden</button>
</form>

Fehlt die Feldbeschreibung, greift der Browser auf das zugehörige label zurück. Wer seine Formulare barrierefrei gebaut hat, bekommt dafür also gleich doppelt etwas zurück.

Imperativ, per JavaScript: Für alles, was kein einfaches Formular ist, etwa eine Produktsuche mit Filtern, registriert die Seite Tools mit document.modelContext.registerTool(). Jedes Tool bekommt einen Namen, eine Beschreibung, ein JSON-Schema für die Eingaben und eine Funktion, die ausgeführt wird.

Zwei Einschränkungen gehören dazu: WebMCP funktioniert nur über HTTPS, und nur solange ein Browser-Tab offen ist. Ein Agent, der ohne sichtbaren Browser im Hintergrund arbeitet, kann die Tools nicht nutzen.

Die Schema.org-Parallele, ehrlich nachgeschärft

Im Juni habe ich es so zugespitzt:

Schema.org hat das Web für Suchmaschinen verständlicher gemacht. WebMCP könnte das Web für KI-Agenten nutzbarer machen.

Das halte ich weiter für richtig, aber mit einem Unterschied, den ich damals zu wenig betont habe. Schema.org wirkt bei der Auffindbarkeit: Suchmaschinen lesen strukturierte Daten beim Crawlen und nutzen sie für Suchergebnisse. WebMCP greift erst, wenn der Agent schon auf der Seite ist. Es gibt kein Verzeichnis der Tools und kein Signal für Crawler. Google listet genau das in der eigenen Dokumentation als Einschränkung: Ein Agent erfährt erst beim Besuch, ob eine Seite Tools anbietet.

Für SEO heißt das: WebMCP ist kein Rankingfaktor und bringt keine Zitate in KI-Antworten. Gefunden werden muss eine Website weiterhin über klassisches SEO und GEO. WebMCP entscheidet über den letzten Schritt, also ob der Agent dort auch buchen, bestellen oder eine Anfrage stellen kann. Wer von einer Agentur hört, WebMCP verbessere die Sichtbarkeit in ChatGPT, sollte nach dem Mechanismus fragen.

Wer die Tools definiert, hat Einfluss

Ein Punkt geht in der Begeisterung gern unter. Bei Shopify hat nicht der einzelne Händler entschieden, welche zehn Tools sein Shop anbietet und wie sie beschrieben sind, sondern Shopify. Bei Cloudflare fügt der Dienstleister das Skript an der Netzwerkkante ein. Zwischen Website-Betreiber und Agent sitzt damit oft eine dritte Partei, die mitbestimmt, was der Agent auf der Seite tun kann.

Dazu kommt die Sicherheit. Ein Tool läuft in der eingeloggten Sitzung des Nutzers, mit dessen Cookies. Das Chrome-Team warnt in seinen Sicherheitshinweisen vor zwei Risiken: Tool-Beschreibungen, in denen versteckte Anweisungen stecken, und Tool-Ergebnisse, die fremde Inhalte samt eingeschleuster Befehle zurückgeben, etwa aus Bewertungen oder Kommentaren. OpenAI behandelt Tool-Definitionen deshalb grundsätzlich als nicht vertrauenswürdig und prüft jeden Aufruf, bei Käufen, Nachrichten, Löschungen und Rechteänderungen nach strengeren Regeln. In ChatGPT lassen sich die Site tools auch ganz abschalten.

Für Formulare gibt es eine einfache Stellschraube: Standardmäßig füllt der Agent nur aus, abschicken muss der Mensch. Erst das Attribut toolautosubmit erlaubt dem Agenten, selbst abzusenden. Bei allem, was Geld kostet oder ein Konto verändert, sollte das aus bleiben.

Alte Tugenden, neue Relevanz

Interessant ist, dass die wichtigste Vorbereitung auf WebMCP keineswegs neu ist:

  • sauberes semantisches HTML
  • gute Barrierefreiheit mit eindeutigen Labels
  • klar strukturierte Formulare
  • eindeutige technische Auszeichnung von Funktionen

Viele bewährte Grundlagen guter Webentwicklung gewinnen damit erneut an Bedeutung. Wer seine Website barrierefrei und sauber gebaut hat, ist auf das agentische Web besser vorbereitet als jeder, der nur für Chrome und Menschen optimiert hat.

Was Marketing- und SEO-Teams jetzt tun sollten

  1. Die wichtigsten Aktionen benennen. Drei bis fünf Dinge, für die Menschen auf die Website kommen: suchen, anfragen, buchen, anmelden, kaufen. Das sind die Kandidaten für Tools.
  2. Formulare aufräumen. Eindeutige Labels, sprechende Feldnamen, keine Pflichtfelder ohne Erklärung. Das hilft Menschen heute und ist morgen die Beschreibung, die ein Agent liest.
  3. Klein testen. Mit einem risikoarmen Formular anfangen, einer Suche oder einer Kontaktanfrage, nicht mit dem Checkout. In Chrome lässt sich WebMCP lokal über chrome://flags einschalten, die Erweiterung „Model Context Tool Inspector“ zeigt, ob ein Agent das Tool findet und richtig befüllt.
  4. Den Menschen im Ablauf lassen. Kritische Formulare nie automatisch absenden lassen.
  5. Beim eigenen Dienstleister nachfragen. Wer Shopify oder Cloudflare nutzt, sollte prüfen, welche Tools dort schon ausgespielt werden und wie sie beschrieben sind.
  6. Keine Wunder erwarten. WebMCP ersetzt weder SEO noch GEO. Es ist ein zusätzlicher Baustein für den Moment, in dem ein Agent auf der Seite etwas erledigen soll.

Was das für Weiterbildung heißt

Spannend wird es bei der Umsetzung. Wenn Websites künftig auch für KI-Agenten funktionieren sollen, braucht es Menschen, die Technik, Prozesse und Kunden gleichzeitig verstehen. Genau solche Entwicklungen greifen wir bei MOD education in meinen Kursen zu SEO und KI im Marketing auf.

Nach WebMCP kommt ziemlich sicher das nächste Thema, MHS deutet es schon an. Deshalb kommt es weniger darauf an, jeden neuen Standard einzeln zu beherrschen. Wichtiger ist, dass Mitarbeitende neue Anforderungen einordnen und praktisch umsetzen können. Für solche Weiterbildungen gibt es über das Qualifizierungschancengesetz Unterstützung von der Agentur für Arbeit: je nach Unternehmensgröße bis zu 100 Prozent der Lehrgangskosten und bis zu 75 Prozent Zuschuss zum Arbeitsentgelt.

Dieser Beitrag ist die ausführliche Fassung meiner LinkedIn-Posts vom 15. Juni, 28. August (MHS) und 10. September 2026. Diskussion und Ergänzungen gern dort oder über das Kontaktformular.

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Quellen