KI zum Lernen ist weltweit einer der häufigsten privaten Einsatzzwecke von ChatGPT und Co. Wie verbreitet das ist, unterscheidet sich aber stark von Land zu Land. Eine Auswertung von Statista vom September 2026 zeigt: In Indonesien nutzen 61 Prozent der Befragten KI-Tools privat für Bildung und Lernen, in Indien 57 Prozent, in Südafrika 56 Prozent. Deutschland kommt auf 25 Prozent.

Die naheliegende Lesart wäre, dass die Deutschen weniger Lust auf KI-gestütztes Lernen haben. Die Zahlen geben das nicht her. Eine zweite Auswertung, von Visual Capitalist, zeigt sogar das Gegenteil von Zurückhaltung: Bei den Besuchen auf KI-Websites liegt Deutschland weltweit auf Platz 4, vor Indonesien.

Beides stimmt gleichzeitig, weil die beiden Zahlen etwas anderes messen. Für mich als Dozent ist ohnehin eine dritte Frage spannender: wie gelernt wird. Dazu hat die OECD gerade ziemlich deutliche Worte gefunden.

Kurz gefragt

Nutzt du KI zum Lernen?

Wo du im Ländervergleich stehen würdest, zeigt die Statista-Grafik.

Anonym: Gezählt wird nur deine Antwort. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.

Was die Statista-Zahlen zeigen

Die Grafik stammt aus Statista Consumer Insights, einer internationalen Verbraucherbefragung. Je Land wurden zwischen 500 und 4.300 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren befragt.

Das Gefälle ist deutlich. Auf die drei Spitzenreiter folgen Brasilien (44 Prozent) und China (42 Prozent). Europa liegt im unteren Feld: Spanien 30 Prozent, Deutschland 25, die Niederlande 14. Die USA kommen mit 22 Prozent nicht besser weg als Deutschland.

Der wichtigste Satz steht allerdings im Begleittext. Statista schreibt, die Unterschiede spiegeln eher das allgemeine Nutzungsniveau wider als unterschiedliche Arten der Nutzung. In Deutschland und den USA ist Lernen der zweithäufigste private Einsatzzweck, nur die Onlinerecherche liegt davor. Das Lernen hat also einen festen Platz, es fehlen schlicht die Nutzenden.

Platz 4 bei den Besuchen auf KI-Websites

Visual Capitalist hat im September 2026 ausgewertet, aus welchen Ländern die meisten Besuche auf KI-Websites kommen. Grundlage sind Schätzungen des Verzeichnisses AITools.xyz für mehr als 9.500 KI-Tools im Jahr 2025. Die USA liegen mit 26,9 Milliarden Besuchen vorn, dahinter Indien (12,0 Milliarden), Brasilien (7,0) und Deutschland (4,6). Indonesien folgt auf Platz 6 mit 3,7 Milliarden.

Mit KI-Websites sind die Seiten der Tools in diesem Verzeichnis gemeint, von Chatbots wie ChatGPT, Gemini und Claude bis zu Bildgeneratoren und Schreibhilfen. Gezählt wird jeder Aufruf im Browser, am Rechner wie am Smartphone. Apps fehlen, ebenso KI, die in andere Programme eingebaut ist, etwa Copilot in Word. Welche Tools in Deutschland am häufigsten aufgerufen werden, steht in Beliebteste KI-Tools 2025.

Auf die Einwohnerzahl umgerechnet dreht sich das Bild: In Deutschland kommen rund 54 Besuche auf jede Person, in Indonesien rund 13, in Indien rund 8. Die Niederlande, bei Statista mit 14 Prozent Schlusslicht, liegen mit 91 Besuchen pro Kopf weltweit auf Platz 2 hinter Singapur. Bei der Frage, wer KI zum Lernen nutzt, ist die Reihenfolge also fast genau umgekehrt.

Ganz so einfach ist der Vergleich allerdings nicht. Wo viele Menschen KI vor allem per App auf dem Smartphone nutzen, liegt die tatsächliche Nutzung vermutlich höher. Visual Capitalist nennt China als Beispiel: Dort laufen die großen KI-Assistenten über Apps, und das Land landet nur auf Platz 15.

Zwei Datenreihen, zwei Fragen

Statista fragt: Welcher Anteil der 18- bis 64-Jährigen nutzt KI-Tools privat zum Lernen? Das misst die Breite, aber nicht, wie oft und wie intensiv. Berufliche Nutzung ist nicht gesondert erfasst.

Visual Capitalist zählt: Wie viele Besuche auf KI-Websites kommen aus einem Land, egal ob privat oder beruflich, zum Lernen oder für die Präsentation am Montag? Das misst die Menge, aber nicht, wie viele Menschen dahinterstehen. Wer zehnmal am Tag ChatGPT öffnet, zählt zehnmal.

Warum Deutschland beim Lernen so weit hinten liegt

Statista liefert keine Ursachenanalyse. Drei Erklärungen liegen aber nahe, und sie wirken vermutlich zusammen.

Die Befragten sind nicht dieselbe Bevölkerung. Statista Consumer Insights ist eine Onlinebefragung. In Deutschland sind fast alle online, die Stichprobe bildet die Bevölkerung also ziemlich breit ab. In Ländern, in denen ein größerer Teil offline lebt, antwortet eher die jüngere, städtische und besser ausgebildete Gruppe, und genau die nutzt KI besonders häufig. Die 61 Prozent aus Indonesien und die 25 Prozent aus Deutschland messen deshalb nicht ganz dasselbe.

Das Alter. In Deutschland trennt das Alter die KI-Nutzung stark. Laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 nutzen 92 Prozent der 14- bis 29-Jährigen KI-Tools zumindest gelegentlich, bei den über 70-Jährigen sind es 15 Prozent. Die Statista-Befragung endet zwar bei 64 Jahren, aber auch innerhalb dieser Spanne ist die deutsche Bevölkerung deutlich älter als die indonesische oder indische. Mehr Menschen in der Lebensmitte heißt weniger Menschen, die KI nebenbei für Schule, Studium oder Prüfungen nutzen.

Der Anlass zum Lernen. Wer in einem Land mit knappen Bildungsangeboten lebt, für den ist ein kostenloser Chatbot, der Mathe erklärt oder beim Englischlernen hilft, ein echter Zugang zu Bildung. In Deutschland konkurriert er mit Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen und einem großen Weiterbildungsmarkt. Das ist eine plausible Erklärung, belegt ist sie durch die Statista-Zahlen nicht.

Was die Zahlen nicht erlauben: zu sagen, welcher dieser Faktoren wie viel ausmacht. Auch die Selbstauskunft ist eine Unschärfe. „Ich nutze KI zum Lernen“ kann eine Vokabelübung am Abend heißen oder die komplette Hausarbeit.

Die eigentliche Frage: Wer denkt beim Lernen?

Fast zeitgleich mit der Statista-Grafik hat die OECD die Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht. Für Deutschland waren sie ein historischer Tiefstand, mehr dazu in meinem Beitrag 25 Jahre PISA-Schock.

Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), schreibt im Vorwort zu den PISA-Ergebnissen, Technik könne Lernen verstärken, aber nur, wenn Lernende das Rüstzeug haben, sie klug einzusetzen. KI solle „a tool for thinking, not a substitute for it“ sein, also ein Werkzeug zum Denken, kein Ersatz dafür.

Dahinter steckt ein Befund, den Euronews aus der Studie zusammenfasst: Jugendliche, die keine KI nutzen, schneiden im Schnitt besser ab. Wird KI dagegen angeleitet eingesetzt, etwa so, dass Lernende ihre Antworten hinterfragen müssen, verbessert sich die Leistung. Das ist eine Korrelation, keine bewiesene Ursache. Sie passt aber zu dem, was in Kursen täglich zu sehen ist.

Für die Statista-Zahlen heißt das: Eine hohe Quote ist kein Erfolg an sich. 61 Prozent, die sich von der KI Zusammenfassungen schreiben lassen, haben weniger gelernt als 25 Prozent, die mit ihr üben.

Was das für Weiterbildung bedeutet

In meinen Kursen sitzen Erwachsene, nicht 15-Jährige. Das Muster ist trotzdem dasselbe. Wer KI nur als Antwortmaschine benutzt, bekommt schnell ein Ergebnis und versteht wenig davon. Wer sie bittet, eine Aufgabe zu stellen, eine eigene Lösung zu prüfen oder einen Fehler zu erklären, lernt tatsächlich etwas.

Drei Dinge halte ich deshalb für wichtiger als die Frage, ob jemand KI zum Lernen nutzt:

  • Erst selbst, dann KI. Einen Text zuerst selbst zusammenfassen und dann mit der KI-Fassung vergleichen. Umgekehrt bleibt wenig hängen.
  • Die KI fragen lassen statt antworten. Ein Prompt wie „Stell mir fünf Fragen zu diesem Kapitel und bewerte meine Antworten“ verwandelt einen Chatbot in einen Übungspartner.
  • Ergebnisse prüfen können. Wer nicht beurteilen kann, ob eine Antwort stimmt, lernt im Zweifel das Falsche. Warum Urteilskraft die eigentliche KI-Kompetenz ist, steht in KI und Urteilskraft.

Die Sorge, dass Grundfähigkeiten verloren gehen, bevor sie überhaupt aufgebaut sind, beschreibt auch der Trendmonitor KI in der Bildung 2026 unter dem Stichwort Skill Skipping. Wer selbst mit KI lernen will, findet auf KI lernen einen Lernpfad, der mit genau diesen Grundlagen beginnt.

Fazit: Deutschland fehlt die Breite, nicht das Interesse

Die 25 Prozent sind kein Beleg dafür, dass Deutschland beim Lernen mit KI den Anschluss verliert. Platz 4 bei den Besuchen zeigt, dass KI hier durchaus genutzt wird, nur von weniger Menschen. Wer dabei ist, nutzt sie oft. Wer nicht dabei ist, bleibt ganz draußen. Beide Ländervergleiche sind außerdem methodisch wackliger, als die Balken vermuten lassen.

Interessanter als der Abstand zu Indonesien ist, was die 25 Prozent mit der KI machen. Diesen Unterschied misst keine Quote, aber er entscheidet, ob am Ende jemand etwas kann.