Aktualisiert im September 2026: Aus dem Juli-Beitrag über das KI-Seepferdchen wurde ein Vergleich mit Malta, Südkorea, Estland und Finnland. Aktuelle Zahlen liefert der Trendmonitor KI in der Bildung 2026.

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Was haben Malta und Südkorea gemeinsam? Beide behandeln KI nicht mehr als nettes Digital-Extra für Early Adopter, sondern als Teil der öffentlichen Grundversorgung. Deutschland diskutiert dagegen noch über ein KI-Seepferdchen für Grundschulkinder. Die Idee finde ich gut. Das Tempo nicht.

Deutschland: Das KI-Seepferdchen

Die unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat am 24. Juni 2026 der Bundesbildungs- und -familienministerin Karin Prien 56 Handlungsempfehlungen übergeben. Eine davon, Nummer 12, ist das „KI-Seepferdchen“: ein verpflichtendes, online erwerbbares und kindgerechtes Zertifikat zu Chancen und Gefahren von KI, zunächst für das Grundschulalter. Der Bund soll den Anschub organisieren, die Länder die Vermittlung übernehmen.

SPIEGEL-KI-Quiz mit dem Ergebnis „KI-Seepferdchen“ und einer KI-generierten Flieger-Kreatur
Mein Ergebnis im SPIEGEL-Quiz: „KI-Seepferdchen“.

Kinder sollten verstehen, wie generative KI funktioniert, warum sie überzeugend falsche Antworten liefern kann, welche Daten man besser nicht eingibt und wie man Ergebnisse kritisch überprüft. Das sind keine Nerd-Themen, sondern Alltagskompetenzen, so wie Schwimmen. Insofern ist das Bild vom Seepferdchen gut gewählt.

Nur: Es dauert zu lange

Bisher ist das KI-Seepferdchen eine Empfehlung, kein Beschluss. Es gibt keinen Starttermin, keine Fragen, kein Unterrichtskonzept. Die Ministerin will mit den Ländern sprechen, und wer den deutschen Bildungsföderalismus kennt, ahnt, was das zeitlich bedeutet. Mit einem echten Test rechne ich nicht vor 2027. Die Kinder, um die es geht, nutzen Chatbots aber heute, auf dem Schulhof, bei den Hausaufgaben, in Messengern.

Das SPIEGEL-Quiz: gut gemeint, schlecht gemacht

Natürlich habe ich das Quiz gemacht, das die SPIEGEL-Redaktion vorab zum Thema gebaut hat. Man sollte einen Test nur dann verlachen, wenn man ihn selbst absolviert hat. Zwei Fragen konnte ich nicht beantworten: Ich wusste weder, was „Bombardiro Crocodilo“ ist, noch hatte ich, und das ist tatsächlich beschämend, die unterschiedlichen Altersgrenzen eines populären Chatbots griffbereit.

Genau da liegt das Problem. Abgefragt wird leicht messbares Faktenwissen, nicht die Fähigkeit, KI sinnvoll, kritisch und verantwortlich einzusetzen. Entscheidend wäre nicht, ob ein Kind die Namen absurder KI-Wesen kennt. Entscheidend wäre, ob es erkennt, dass ein Bild manipuliert wurde, eine Antwort unbelegt ist oder ein Chatbot gerade sehr selbstbewusst Unsinn erzählt.

Das gilt übrigens nicht nur für Kinder. In der Erwachsenenbildung stelle ich dieselbe Frage jeden Tag: Prüfen wir Wissen über KI oder Urteilsvermögen im Umgang mit KI? Ein KI-Seepferdchen kann sinnvoll sein, wenn der Test dazu besser ist als deutscher Journalismus 2026.

Malta: erst der Kurs, dann der Zugang

Malta geht vergleichsweise pragmatisch vor. Alle Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren können seit Mai 2026 den kostenlosen, etwa zweistündigen Onlinekurs „AI for Everyone“ belegen, entwickelt von der Malta Digital Innovation Authority und der Universität Malta. Wer ihn abschließt, bekommt ein Jahr lang ChatGPT Plus oder Microsoft 365 Personal Copilot gratis. Ein KI-Führerschein mit anschließendem Premiumzugang also.

Mir gefällt daran die Reihenfolge: Erst lernt man, was KI kann und was nicht, dann bekommt man das Werkzeug. Der Haken ist genauso offensichtlich. Malta finanziert den Zugang zu bestehenden US-Produkten. Für einen kleinen Staat ist das vernünftig, eine eigene Infrastruktur entsteht so nicht.

Südkorea: KI als Grundversorgung

Südkorea geht deutlich weiter. Mit dem Projekt „AI for All“ des Wissenschaftsministeriums soll die gesamte Bevölkerung bis Ende 2026 einen kostenlosen, unbegrenzt nutzbaren KI-Chatbot bekommen, dazu KI-Agenten, die bei Behördengängen, Anträgen, Reservierungen oder Zahlungen helfen. Umgesetzt wird das von drei Konsortien unter Führung von SK Telecom, KT und Kakao, zum Teil direkt im Messenger KakaoTalk oder per Telefon und SMS für Menschen, die mit Apps nicht zurechtkommen. Die Beta startet im Herbst, ab 2027 übernimmt der Staatshaushalt die Kosten.

Südkorea baut damit bewusst auf eigene KI-Modelle und verfolgt technologische Souveränität. Von einem Pflichtkurs als Eintrittskarte ist in den Ankündigungen keine Rede. Man setzt eher darauf, dass die Technik so einfach wird, dass sie jeder benutzen kann.

Und die anderen?

  • Estland hat im September 2025 mit „AI Leap“ (TI-Hüpe) begonnen: 20.000 Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 und 11 und ihre 3.000 Lehrkräfte bekommen kostenlosen Zugang zu führenden KI-Anwendungen, im zweiten Jahr kommen Berufsschulen dazu. Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Zuerst werden die Lehrkräfte geschult.
  • Finnland hat schon 2018 mit dem kostenlosen Onlinekurs „Elements of AI“ angefangen. Ursprüngliches Ziel war, ein Prozent der finnischen Bevölkerung die KI-Grundlagen beizubringen. Inzwischen haben sich weltweit über zwei Millionen Menschen angemeldet, den Kurs gibt es auch auf Deutsch.

Vier Länder, vier Wege. Gemeinsam ist ihnen, dass sie KI-Kompetenz als öffentliche Aufgabe verstehen und nicht darauf warten, dass jeder sich das irgendwie selbst beibringt.

Was ich daraus ableite

Zugang und Kompetenz gehören zusammen

Zugang ohne Kompetenz ist ein Risiko, Kompetenz ohne Zugang bleibt Theorie. Malta verbindet beides am direktesten. Deutschland diskutiert bisher nur die Kompetenzseite, und das auch nur für Grundschulkinder.

Grundbildung heißt Urteilsvermögen, nicht Vokabeltest

Wenn KI-Kompetenz zur Grundbildung werden soll, muss man sie auch so prüfen: Kann jemand eine unbelegte Antwort erkennen, ein manipuliertes Bild, eine Datenschutzfalle? Faktenfragen nach Chatbot-Altersgrenzen messen das nicht. Das ist der Maßstab, an dem sich das KI-Seepferdchen messen lassen muss, sobald es denn kommt.

Die Erwachsenen nicht vergessen

Für Unternehmen ist KI-Kompetenz schon Pflicht. Artikel 4 des EU AI Act verlangt von Anbietern und Betreibern von KI-Systemen, für KI-Kompetenz bei ihren Beschäftigten zu sorgen. Mit der Digital-Omnibus-Verordnung vom Juli 2026 ist diese Pflicht allerdings weicher geworden: Statt ein bestimmtes Kompetenzniveau für jede Person sicherzustellen, müssen Unternehmen die Entwicklung der KI-Kompetenz unterstützen. Weniger Druck von oben heißt nicht, dass der Bedarf kleiner wird. Was Unternehmen jetzt konkret tun müssen, steht im Beitrag zur KI-Schulungspflicht.

Wer sich selbst die Grundlagen aneignen will, muss nicht auf den Staat warten. Kostenlose Einstiege wie den KI-Campus oder „Elements of AI“ gibt es längst, meinen Lernpfad dazu findest du unter KI lernen.

Unternehmen sollten KI-Kompetenz wie Infrastruktur behandeln

Staaten beginnen, KI-Kompetenz als Infrastruktur zu sehen. Unternehmen sollten sie nicht länger als freiwilliges Extra behandeln. Wer Mitarbeitende gezielt weiterbildet, baut Kompetenz dort auf, wo sie gebraucht wird, und schafft gleichzeitig Entwicklungsperspektiven. Solche Weiterbildungen, auch meine Kurse bei MOD education, können über das Qualifizierungschancengesetz gefördert werden: je nach Unternehmensgröße mit bis zu 100 Prozent der Lehrgangskosten und bis zu 75 Prozent Zuschuss zum Arbeitsentgelt.

Ein KI-Seepferdchen ist eine gute Idee. Aber Malta zeigt, dass man nicht jahrelang über den Test diskutieren muss, bevor man anfängt.

Dieser Beitrag ist die ausführliche Fassung meiner LinkedIn-Posts vom 22. Juli (KI-Seepferdchen) und 21. September 2026 (Malta und Südkorea). Diskussion und Ergänzungen gern dort oder über das Kontaktformular.

Mehr zum Thema

Was KI-Kompetenz beruflich bedeutet, steht auf Meine Kurse, der Einstieg für alle anderen auf KI lernen.

Kostenlos anfangen kannst du zum Beispiel mit KI für Alle 2 vom KI-Campus, meinem Praxistest eines Grundlagenkurses.

Quellen